Zerbrochene Bilder

Celluloid Crazy

Das Jahr nimmt seinen Lauf, und die Unvernunft scheint gleichfalls zu grassieren. Urlaubsstimmung. Nimm den Leuten ihre Gewohnheiten, und sogleich steigen die Aluhüte maskenlos in ihre Fahrzeuge, machen mobil und gehen ungeschützt auf die Straßen Berlins. Geschätzte 500.000 sollen es heute werden.* Sie beschwören mit ihren schwarzweißroten Fahnen die zurecht untergegangenen Kaiserreiche des Unrechts. Und sie bemerken nicht, wie das sehnlichst herbeigewünschte System sie selbst ab- und verspeisen wird in und mit legitimationsloser, unkontrollierter Gewalt. Hatten wir doch schon alles. Trotz Hut vor Kollektivsingularen: Man wird den Eindruck nicht los, als seien dies die zappelig-halbtrotzigen Manifestationen eines unterschwelligen Todestriebs, der Demokratien inne zu wohnen scheint. Ist das zynisch? Übertrieben? Was machen siebzig Jahre Frieden mit einem Teilchen der Menschen hierzulande? Was da zu sehen ist, ist schwer erträglich und erinnert an die netten Menschen mit den lustigen Bemalungen und Kleidern, die in «Mars Attacks» oder «Independence Day» die scheinbar friedlichen Aliens erwarten: Halb-Nazi-Lemminge im hirnlos-impfgegnerischen Wohlstandsfett. Dabei zerbrechen beinahe die Bilder von einer friedlichen Gesellschaft, die durch die Freiheitlich-demokratische Grundordnung (FDGO) eigentlich den besten nur denkbaren Kitt, Halt und Freiheitsgaranten bekommen hat, der nach der Zeit des Faschismus vorstellbar war. Das Jahr nimmt seinen Lauf, das Virus auch. Wir werden es sehen.

Update, 03.08.2020: Lustige Zahlenräume 20k? 1,3 Mio? Liebe Fakeburger, wenn Ihr Euch mit Gouda zudeckt, seid Ihr vor Erd- und Luftbestrahlung sicher und auch vor zu wenig Anteilnahme. Emmentaler oder Leerdamer tun’s auch. Die Scheiben sollten ca. 5 Millimeter dick sein. Dann erst hilft der Cheese Shield. Bitte vorher auf jeden Fall mit Bio-Remoulade einreiben. Für diejenigen, welche den nicht brauchen, stehen die Infos hier: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/corona-demo-berlin-109.html.

Weniger erregend

Kein Frosch in der Maske. Foto: © Matthias Kampmann, 2020

Die Nichtraucher echauffierten sich über all diese Kippen im Grün. Das Ordnungsamt recherchierte die Schuldigen von wilden Müllplätzen. Und was sonst noch alles in der alten Welt vorkam, blieb niemandem verborgen, und man konnte bisweilen nur den Kopf über die Ignoranz der Bürger*innen schütteln, die Wege verschmutzten. Und die Hunde erst. Besser: der Hundekot. Ja, das waren gute alte Zeiten, in denen Aufreger über die Schmutzfinken noch solche waren. Mit Vergnügen und Wehmut erinnern wir uns an die kotgefüllten Plastiktüten, die von Hundebesitzern am Wegesrand liegen gelassen wurden. Und als Hundebesitzer fragte ich mich, warum man das nicht mitnehmen konnte. Und heute? Heute verlieren die Aluhüte nicht nur Kopf, Contenance und Verstand, sondern auch ihre Masken. Und wahrscheinlich nicht nur die. Und die liegen mittlerweile überall in den Anlagen. Ich frage mich, ob unter den Maskenwegwerfern auch Hundehasser sind. Oder Wildmüllkippenbauer. Und was sagt mir das, dass ich das frage? Aber möchte ich eine Antwort? Ist das das neue Normal? Was normal ist: War es früher kacke, den Kot liegenzulassen, ist es heute Mist, die Masken überall fallen zu lassen. Daran ändert selbst ein aggressives Virus nichts.

Die Gegenwart: eine Groteske

Dystopia in Ratisbon

Geistertag zwei. BVB gewinnt wieder und wird sich von Götze trennen. Währenddessen pustet Thüringen bald jegliche Vorsicht in die Winds of Change. Und Meister Ramelow kraxelt über sieben Karat schwere Brückenpfeiler am Rande staatlich verordneten Föderalwahnsinns. Ich ziehe mir eine Plastiktüte über den Kopf. Dann bekomme ich nichts von der verseuchten Atmosphäre da draußen mit.

Übrigens wechselte ich 2014 von WordPress nach Drupal, weil der Blog vor lauter Müll von draußen nicht mehr zu pflegen war. Heute habe ich Gantz: O gesehen. Gegenwärtig helfen Dystopien. Als wäre die Gegenwart etwas anderes.

Pünktlichkeit und Freundlichkeit

Hier ein Nachtrag zum Beschwerdebrief vom vergangenen Freitag. Es geht wieder einmal um die Linie 31, wieder einmal um den Bus, der normalerweise 7.51 Uhr abfährt, wieder einmal um einen Bus der Deutschen Bahn, wieder einmal um das Fahrzeug mit dem Kennzeichen R-BO 234, möglicherweise um denselben Fahrer wie Ende letzter Woche. Dieses Mal fuhr der Fahrer mit drei Minuten Verspätung die Haltestelle erst gar nicht an.

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Pünktlichkeit ist eine Zier …

Offen gestanden mag ich Beschwerden nicht. Das liegt vielleicht daran, dass ich so viele Jahre als Kunstkritiker gearbeitet habe und das Beschweren in etwa die Funktion inne hat, wie die Luft, die wir atmen. Meistens bemerkt man sie nicht, aber ohne sie geht es nicht. Sie ist der Hintergrund, die Energiequelle, mit der wir alle Prozesse in Gang halten. Wenn ich mich nicht im geistigen Back-Office über schlechte Kunst beschwere, warum sollte ich dann ein negatives Wort darüber verlieren? Nun gut, ich glaube, ich kenne mich mit Beschwerden aus. Nachdem mir gestern der Bus vor der Haustür und Nase davon gefahren war — natürlich ohne Not –, konnte ich nicht anders: Ich habe mich mit nachstehendem Brief beim RVV beschwert. Erst wollte ich einen eigenen Text daraus stricken. Nun aber mache ich den originalen Wortlaut (mit ein paar sprachlichen Verbesserungen) hier öffentlich.

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Sprachlos im Status quo

Textstelle [1]: Wer gibt den Ausgegrenzten auf der Flucht eine Stimme? Klaus-Michael Bogdal konstatiert in seiner 2011 erschienenen literaturwissenschaftlichen Studie über die „Erfindung“ der Zigeuner, dass eine gewisse Form von Historizität und Bedeutung erst mit einer eigenen Sprache zugestanden wird. Das jedoch haben die flüchtenden Menschen in Not heute nicht, da sie aus ganz unterschiedlichen Staaten stammen und nicht mit „einer Stimme“ reden. Damit wird diese Sprachlosigkeit auch zur Waffe für diejenigen, welche versuchen, jene Menschen durch nautische Metaphern zu dehumanisieren.
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Gemeiner Eigennutz

Der Mieterbund Regensburg entbindet Mitglieder nicht sofort aus dem Verein, sondern verlangt die Kündigung ein Vierteljahr vor Ablauf. Ist das nicht geschehen, zahlt man ein volles Jahr weiter. Das ist Abzocke und hat im gesamten Verband Methode. Die Verbraucherzentrale sagt zwar: normal. Moralisch finde ich jedoch hier ein Defizit vor. Als ich Dezember 2015 austreten wollte, verwies man mich auf die Satzung. Na klar. Man kennt die ja auswendig. Oder ist die Methode „Pech gehabt“ hier Programm? Stellungnahme von Kurt Schindler, Vorstand? Fehlanzeige. Man zahlt also Jahrzehnte und bekommt einen Tritt in den Allerwertesten. Weiter so, liebe Gemeine mit Eigennutz. Nachtrag: Ach ja, dass so ein Verein mal eben den Betrag von ca. 65 auf 83,40 erhöht, ist bezeichnend.

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Zwiebelhäute der Unfreiheit

Wollen sie in einer Gesellschaft leben, in der Ihnen Haushaltsgeräte, etwa eine elektrische Zahnbürste, diktieren, wie lange sie putzen oder sonst etwas tun müssen? Sie können einwenden, man müsse nicht auf das kleine, scheinbar hilfreiche Feature achten, das im Falle des Geräts, das der Autor verwendet, alle 30 Sekunden vibriert und nach nur zwei Minuten mit einem etwas längeren Endrüttler zu verstehen gibt, dass man sein Soll erfüllt habe. Abgesehen davon, dass es sicher sinnvoller gewesen wäre, die Entwicklung kluger Akkus zu forcieren, als ein solches Gimmick einzubauen, ist das Ignorieren derartiger Gängeleien sowieso nur mit wenig Erfolg beschieden. Sie werden, da gehe ich jede Wette ein, unter solchen Putzbedingungen konditioniert, kontrolliert, strukturiert. Der Schreiber hier weiß, wovon er schreibt. Und wird wieder einmal an das kleine Foucaultsche Einmaleins der Disziplinar- und an Deleuzes Kontrollgesellschaft erinnert.

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