Gefahr in Schlaraffia

Das Leben in Schlaraffia ist bedroht. Am Sonntagabend wissen wir, wie in den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg Zukunft gebaut wird. Unser Land wird seit 13 Jahren durch eine Partei von Volksverrätern systematisch zersetzt. Und Demokraten tun sich sehr schwer mit ihnen, weil es nun einmal das Wesen der Demokratie ist, auch diejenigen aushalten zu müssen, die einem an die Wäsche wollen. Ich formuliere das besonders plakativ, weil es wahrscheinlich nicht mehr lange dauert, bis es um die Wurst geht. Und dann passiert das, was immer passiert, wenn Menschen versuchen, mit und in einer von Krisen gebeutelten Welt im Allgemeinen und Besondern klarzukommen: Die Falschen werden das Falsche am falschen Ruder entscheiden und die Kiste dann erst einmal so richtig in den Dreck fahren. Im Kommunalwahlkampf bemerkt man, dass der Weg schon eingeschlagen wurde.

Der Schaden an den Plakaten von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN beläuft sich derzeit, einen Tag vor der Wahl, auf gut 300 Euro. Das ist Geld, das Mitglieder und Mitmacher:innen gespendet haben, aus der eigenen Tasche.

Es gibt Vermutungen zur Täterschaft, und die Vorfälle habe ich als Grünen-Mitglied zur Anzeige gebracht. Auf der Dienststelle sagte man mir bereits, dass die Anzeige wahrscheinlich nicht zur Ermittlung der Täter führen würde. Nun, das war auch nicht der primäre Zweck meines Gangs auf die Wache. So oft würde die Polizei nicht im Dorf Streife fahren, dass sie jemanden auf frischer Tat ertappen könnte. Darum geht es jedoch auch nicht. Die Anzeige diente der Aufnahme dieser Vorfälle in die Statistik. Das war übrigens kein Einzelfall und nicht auf das Kerndorf beschränkt. Was Barbing anlangt, werde ich den Eindruck nicht los, es handele sich um systematische Zerstörung. Im Wochentakt war mal diese, dann jene Dorfecke an der Reihe. Bei gutem Wetter passierte mehr als an schlechtem. Als dann später mein Plakat, ich kandidiere sowohl für den Gemeinderat als auch den Kreistag, mit schwarzem, wasserfestem Filzstift und einschlägigen Motiven beschmiert und abgerissen war, habe ich eins und eins zusammengezählt: Das war nicht das Werk von Erwachsenen. Systematik und Zerstörung: Im Dorf fahren E-Roller-Kids durch die Gegend und bekleben jede Oberfläche mit SSV-Jahn-Aufklebern. Irgendwann habe ich sie dann an den Plakaten gesehen. Nicht direkt bei der Tat, aber in der Nähe.

Mit AfD besprühte Plakatrückwand. Überklebt mit AFD-Verbotsklebeband des ZPS.
Hin und her und immer wieder abgerissen von den Kids: die Verbotsstreifen.

Lackmustest war dabei eine besprühte Plakatrückwand, die besorgte Bürger:innen mit AFD-Verbotsklebeband markiert hatten. Immer wieder wurde das Band abgerissen, immer wieder neu wurde der blaue AFD-Schriftzug überklebt. Dann kam ein strahlend blaues Wochenende, und die Shorties gurkten wieder durchs Dorf. Und gerade an der Stelle, an der die GRÜNEN-Plakate und dieses Großplakat stehen tummelten sich die Kids. Und nachdem sie fort waren, lagen auch die beiden Klebestreifen wieder im Dreck an der Straße. Hier zähle ich vielleicht fälschlicherweise eins und eins zusammen. Dennoch, es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit.

Was soll das Lamentieren über ein paar blöde Jungs im Alter von 14 bis 16 Jahren, die stärker sind als Gilgamesch? Systematisch werden über ein paar Wochen Plakate (übrigens nicht nur von den GRÜNEN) zerstört. Das ist Sachbeschädigung, eine Straftat. Die Täter nehmen das in Kauf. Sie fühlen sich sehr sicher und handeln absichtlich und strukturiert. Damit liegt ein gewisser Vorsatz vor, jedenfalls nach meinem Verständnis, aber ich bin kein Jurist. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, aber welche Kinderstube steckt dahinter? In welchen Haushalten werden diese drei, vier Jungtrottel groß? Bevor die Moralkeule zu heftig schwingt, muss ich die Temperatur herunter regeln. Sicher, solche Trottel sind nervig. Ihre Eltern wahrscheinlich einschlägig vorbelastete Deppen, die es nicht besser wissen wollen und gedankenlos durch die Welt irren. Jedoch: Jeder von den Jungen hat die Chance zur Rehabilitation allgemein und vor sich selbst verdient. Wenn sie es selbst nicht einsehen und nicht lernen, sich dafür zu schämen, sind sie für sich und die Gesellschaft beinahe verloren. Wenn sie nicht irgendwann erkennen, dass sie diese Sachbeschädigung verursacht haben und dass das ziemlich bescheuert und antidemokratisch ist, dann haben sie verloren. Verloren wären sie, wenn sich auf dem zum Ausdruck gebrachten, verzerrten Selbstverständnis das gesamte weitere Erwachsenenleben aufbauen würde.

Diese Destruktion mag nur eine Kleinigkeit sein. Und sie kommt, das sagen Stimmen aus dem Landkreis, überall vor, mal heftiger, mal weniger heftig. Sie werden auch niemals verschwinden. Es gehört zur Selbsterprobung einer Gesellschaft dazu (Vorsicht Personifizierung), dass sie immer wieder und immer aufs Neue mit jeder folgenden Generation ähnliche Phänomene zeitigt. Leider nimmt allerorten die Intensität zu, und irgendwann kippt das Gemeinwesen in Gemeinheit um. Dann können sie sich wieder braune Uniformen anziehen und ihr selbsternanntes Gottgleichtum an den Schwächeren ausleben. Leider ist die AgD nichts anderes als die Fratze der Dummheit. Das sowohl mit Blick aufs korrupte Personal als auch in der inhaltlichen Struktur der Pseudopolitik. Ausnahmen bestätigen sicher die Regel. Aber mir graut vor denen, die immer weiter nach rechts auswandern. Ohne Not. Und mir graut davor, was passiert, wenn diese Kids eben nicht lernen, dass sie auf der falschen Seite von Politik und Geschichte ihre Selbsterfüllung zu finden versuchen.

Das alles geht übrigens nur in einer freiheitlichen Grundordnung. Wo Faschisten und Faschistenkids unter Stalin gelandet sind, ist hinlänglich bekannt. Man könnte es als suizidale Tendenz beschreiben. Es ist ein Wohlstandsphänomen. Die Nazis in Blau brauchen nichts aufzubauen. Sie müssen nur das Porzellan zerschlagen, dass Eltern und Großeltern mühselig nach Adolf Hitzigs zwölfjährigem Reich erworben haben. Sie bauten uns ein Schlaraffia, und die Nachfolgenden nahmen an, es gebe Garantien für und den Anspruch auf ewigen Wohlstand. Ein Missverständnis aus Unverständnis: wieder einmal. Und nun droht selbstevozierte und -produzierte Gefahr. Und es sind immer die kleinen Anzeichen und Phänomen zuerst, die diese als manifeste Vorahnung zum Ausdruck bringen. Kurzum: Es liegt schon an uns, was wir aus dem Miteinander machen. Ein Schlaraffia gab es jedenfalls nie.

Postscriptum: Vandalismus bis zuletzt. Kurz nachdem ich den Text veröffentlicht hatte, bin ich mit dem Hund gegangen. Und was sehe ich? Abriss. Wieder einmal. Diesmal haben die Honks auch noch die Plakate ein paar Hundert Meter weiter auf den Rasenplatz des TV Barbing geschleppt und dort verteilt. Vom Damm aus sah ich, wie J. vom Verein die Plakate beiseite schaffte. Danke dafür!