Unersetzliche Spielsteine

Die neue Sau im Kunstmarktdorf heißt NFT, Non Fungible Token. Wie ist dieser technisch basierte Mechanismus zur künstlichen Verknappung a la Kapitalismus einzuschätzen? Mein harsches, absolut vernichtendes Urteil ist hier zu lesen.

Kann es sein, dass die technischen Künste jetzt final am Ende sind? Warum diese böse Frage? Vor zehn, zwölf Jahren haben wir bereits darüber gesprochen, dass der Begriff der «Medienkunst» nicht mehr anwendbar sei. Das ist sehr gut nachvollziehbar, denn so viele Künstler:innen, die nicht aus der Szene sind, bedienen sich der Mittel der Medienkunst. Und zum hundertsten Male die Differenzfrage zu stellen, was denn eigentlich Medienkunst sei, lohnt wegen der generellen Aufweichung aller technisch orientierten Kategorien nicht. Und heute? Es treibt sich eine neue Sau im Dorf herum – oder wird getrieben: NFT-Kunst. Das ist die lächerlichste Kombination, von der ich seit langem gehört habe. Derartige Kategorien kann nur ein neofeudalistisches, alle Systeme bis ins hinterletzte Kämmerlein inklusive allen nur denkbaren Mobiliars ökonomisierendes gefräßiges Marktmonstrum aushecken. NFT – Non Fungible Token. Unersetzlicher Spielstein, so könnte man das ironisch übersetzen. Diese Technik erlaubt (vorerst) Fälschungssicherheit. Mithilfe von Blockchain-Technologien lässt sich eine Datei absolut eindeutig identifizierbar machen. Es ist ökonomisch gesprochen ein nicht zu ersetzender Vermögenswert(-gegenstand). Man kann ihn nicht wie einen Bitcoin eins zu eins gegeneinander tauschen. Also kann ich digitale Eindeutigkeit erzeugen, wenn ich technisch weiß, wie es geht. Mehr ist das aber nicht. Wenn ich das Teilchen also verkaufe, muss ich in eine andere Welt, die des «normalen» Geldes hüpfen, da ich beim Tausch des NFT ansonsten einen Verlust zu befürchten habe. Also ich kann natürlich Äquivalente darauflegen. Wie im wirklichen Leben. Hey, das schreit doch nach Versteigerungen. Dollars, Gold und echte Kohle! Art Biami Masel: Mit der Yacht in der Bucht in Zuckerbergs, äh sorry, Stephensons Metaverse oder noch besser in Second Life finanzielles Bullshit-Bingo spielen. Schöpfen und Verbrennen. Oder so. Belege ich also Gegenstände mit einem NFT, schaffe ich so etwas wie eine ideelle Währung, die aber immer nur einen Wert, nämlich sich selbst hat. Das wiederum lässt sich, siehe oben, wunderbar vermarkten, und wenn Künstler:innen diesen Mechanismus reflektierend und kritisch in ein Kunstwerk, in ein echtes Medienkunstwerk transformieren, kann ich mir vorstellen, dass daraus ein schönes Stück konzeptueller Kunst entstehen kann. Sucht man hingegen derzeit nach «NFT» und «Kunst» oder «Art», bekommt man letztlich nur depperte Dateien angezeigt. Und jeder drittklassige Pixelschubser kann sich auf die Welle schwingen und mitmachen: «Jey, ich bin ein echt cooler NFT-Artist.» Nope. Hat nix mit Kunst zu tun, die ernstgenommen werden kann. Wer das zu hart findet, solle bitte mal den Schwachsinn auf https://www.nft-art.finance/ anschauen und verfolgen. Wem das nicht reicht, lasse sich die Winkelmann-Kollage durch Aug’ und Hirn gehen, die bei Christie’s 69.346.250 Dollar einspielte. W. ist Grafikdesigner. Sieht man.

Post scriptum: Es geht hier wie immer nicht um Personen, sondern um Sachen. In diesem Fall um Dateien. Und es geht um Abstrakta, etwa um Gier, Ruhm. Es geht nicht um Herrn W., sondern um das, was der Markt damit macht. Die Beurteilung der Angemessenheit der Mittel sei den Leser:innen überlassen. Im Impressum steht, wie man mich kontaktieren kann.

Post post scriptum: Als Kontextliteratur dienen Armin Nassehi: «Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft», Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 2020, Schriftenreihe Band 10562 dienen sowie Hans Zitko: «Kunstwelt. Mediale und systemische Konstellationen», Hamburg (Philo Fine Arts) 2012.