Glosse: Ein alternativfreies Wahlkampfvideo
Es ist einer dieser Tage, an denen die Herbstsonne so schön rötlich-warm über das Bayernland scheint, dass man beinahe vor lauter Freude über den Anblick weinen muss. Der Acker reicht bis zum Horizont. Irgendwo in der Ferne erhebt sich ein Kirchturm. Und wie zwei Pflöcke stehen Georg und Cäcilia mit Stumpf und Stiel im Gemüse und wundern sich, dass an diesem späten Nachmittag kein Wind weht. Kein Hauch! Null Odem! Ausnahmezustand? Bleibt die Welt stehen? Man könnte es glauben, wenn man unseren beiden Helden aufmerksam zuhört. Aber lassen wir das Kirchlein dahinten in ihrem Dörfchen: Leute, so ist das Wetter, und das kommt vor, interessiert aber eigentlich auch niemanden. Es sei denn, er oder sie habe immer etwas zu motzen, einen Trieb, allen Fortschritt schlecht zu reden, also eine einschlägige politische Agenda. Es sei denn, man hegt die Absicht, seine Zuschauer über zwei Minuten lang für dumm zu verkaufen.
Aus dem Video zum Wahlkampf 2026 spricht es Bände: Diese beiden Menschen haben Angst. Sie fürchten sich vor allem vor Größe. Und sie werfen Höhen, Maße, Gewichte durcheinander und ins Rennen ihrer fortschrittsfeindlichen, umweltschädigenden Agenda. Warum? Dazu muss man wissen: Georg und Cäcilia sind Kandidaten. Sie bewerben sich hinter Dieter auf Platz zwei und drei mit ihrem speziellen Engagement und, na ja, speziellen, wissenschaftliche Fakten negierenden und verdrehenden Sachverstand für den Kreistag im Landkreis Regensburg.
Sauber powern
Ihre selbst ernannte Expertise wollen sie in diesem Video mit der Forderung nachweisen, dass wir 70 neue Gaskraftwerke brauchten (wo, wer, was?), „um den Primärstrom Wind im Gaskraft abzufedern“ (Texteinblendung im Film). Woher kommt diese grammatische Präpositionsexotik? Und was ist das Problem, wenn wir technologieoffen Kraftwerke bauen, die dereinst mit Wasserstoff sauber powern? Aber zurück: Was wollen uns diese Sätze mitteilen? Unverständlich außer, die beiden sind irgendwie dagegen. Man bekommt nichts als verdrehte Nebelkerzen über irgendwelche aus dem Hut gezauberten Baudaten, aber nichts über den energetischen Zusammenhang. Etwa dass sowieso laut Energiemonitor schon 56 Prozent im Kreis erneuerbar produziert werden.
Und ja, Georg hat Recht: Was er, Georg, da redet, ist „völliger Blödsinn und Wahnsinn“. Was federt wer? Um welche Mengen geht es? Aber: Viel wichtiger ist, was nicht gesagt wird. Als zugegebenermaßen nicht ganz so neutraler Zuschauer fragt man sich, gegen was sich dieses kleine, absurde Kammerspiel im öffentlichen Raum richtet. Um die Physis von Windkraftwerken kann es nicht gehen. Denn die Dimensionen an Verunstaltung durch konventionelle Erzeuger, etwa Kernkraft oder noch besser: Braunkohle, sprengen die Wirkung der verleumdeten Windstängel bei weitem. Wer mal in der Lausitz oder im westlichen NRW die Löcher gesehen hat und die Folgeschäden und Kosten der Renaturierung in Anschlag bringt, versteht, was der Autor dieser Zeilen hier denkt.
Größen statt Fakten
Sie standen am Acker von Hohengebraching. Nun stehen sie in Sallern und zeigen, wie groß so ein Windrad ist. Das hat bekanntermaßen noch niemand gesehen, der mit geschlossenen Augen und verstopftem Verstand durchs Land der blauen Wunder getrieben wird. Fakten, Fakten, Fakten: Das bringt sie, die clevere Cäcilia. Zumindest irgendwie, und wie? Kontextbefreit. Der Sallerner Stromproduzent, der vom ersten Dreh an ohne Verbrauchsstoffe einfach nur Strom produziert, sei eben 180 Meter statt der 220 Meter hoch. So können man „wenigstens mal sehen, welche Ausmaße das Ganze“ annähme. Oh ja, diese Ausmaße. 28 Meter, die völlig planiert werden. Nun, liebe AfDler: Was verbraucht denn eine Autobahn, damit Herrn Arnolds schwarzer Mercedes G ordentlich Gas machen kann – in der Breite? Oh ja, wir benötigen „Flächen für den Kran, die Leitungen und natürlich für das riesige Windrad“. Ja, schon. Aber was das dann an doppelter oder dreifacher Infrastruktur sein soll, das begreift niemand. Aber gut, Expertise ist schließlich auch nur ein Wort. Und da ja niemand mehr was sagen darf, reden die Kandidat:innen von der AfD einfach Blödsinn. Weil, bekommt man ja verboten. QED.
Das begreift vielleicht wirklich nur die AfD. Früher haben es uns schon die Kernkraftbefürworter in den Mund gelegt: der Strom käme ja aus der Steckdose. Ist so. Auch für die AfD. Landschaftschutz? Logo, komplett ohne Erneuerbare. Gemäß dem Motto: Heute bleibt die Küche kalt, da zieht’s uns in den Wienerwald. Eicheln sammeln, Feuerchen machen. Neanderthal lässt grüßen, Ihr Lieben. Vielleicht ist es ja genau das, was zählt: was die beiden Romantiker:innen dort eben nicht sagen. Sie sagen nicht, dass wir uns in Ablösungsverfahren begeben müssen, wenn wir den Planeten erhalten wollen. Und dass das kostet: Zeit, Geduld, Geld und Einsatz. Und unsere Heimat, direkt das Grün vor unseren Nasen, das ist Teil des Planeten. Den erhalten wir nicht mit dem „Weiter so“. Hier sieht man einmal mehr die tragischen Gestalten inspirations- und ambitionsloser Traurigkeit a la AfD. Woher werden wir Innovationskraft ziehen und die Gesellschaft erneuern? Richtig, aus den Ecken und Enden, die uns weh tun. Was tut weh? Dass unsere Kinder und Kindeskinder in einer kaputten Welt groß werden müssen, die wir verschuldet haben. Wer macht die Welt kaputt? Wer nicht daran denkt, wie man CO2-Ausstoß reduziert, sondern stets blind auf Alternativen drischt, die etwas bewirken. Muss man mal so deutlich zum Ausdruck bringen. Nicht, dass die emotionalisierende, negative, schlechtredende Propaganda der AfD ausschließlich übergeordnete Fragen, die im Regionalwahlkampf nur bedingt eine Rolle spielen, da die Flächenausweisung für Windkraft landespolitische Agenda und Verpflichtung ist. Nein, liebe AfDler. Macht so weiter, und unsere geliebte Heimat ist tatsächlich am Allerwertesten. Und eure verquere, faktenfreie Weltsicht führt euch zu Maßnahmen, die daran schuld sein werden, wenn unsere Kinder dereinst in Hitze und Extremwettern verrecken. Übrigens auch die anderen Kinder weltweit. Klares Wort: Ihr macht euch schuldig!
Wenn wir jedoch nach vorn schauen, müssen wir darauf verzichten, immer mehr Geld auf immer weniger vorhandenes Zeug zu werfen. Das ist neben Uran, Kohle vor allem aber Erdöl und auch Gas. Wind, Solarenergie sind grundsätzlich anders. Einmal installiert, ist der Treibstoff umsonst. Jetzt liegt es an unseren klügsten Köpfen, die besten Technologien zu erschaffen, um Energie zu speichern: auch hier vor Ort. Um noch höhere Wirkungen aus Windenergie, Sonnenkraft und Wasser zu ziehen. Nur daherzulaufen und „Blödsinn“ zu brüllen hat mit Alternativen nichts zu tun. Die einzige Alternative war immer die Konstruktive.
PS. Das Video wird natürlich nicht verlinkt. Wer will, findet es mit geringem Aufwand.
