Okwui Enwezor ist künstlerischer Leiter der nächsten Biennale von Venedig

Okwui Enwezor, Direktor am Haus der Kunst, München, und künstlerischer Leiter der Documenta 11, ist zum künstlerischen Leiter der der 56. Biennale di Venezia (2015, Venedig, Giardini und Arsenale, 9. Mai – 22. November) ernannt worden. Paolo Baratta, Biennale-Präsident, kommentierte seine Ernennung mit den Worten: „Okwui Enwezors Forschungsschwerpunkt liegt auf dem komplexen Phänomen der Globalisierung und ihren Bezügen zur Verwurzelung im Lokalen. Seine persönliche Erfahrung ist Ausgangspunkt für das geografische Spektrum seiner Analysen, für zeitweiliges Vertiefen von jüngsten Entwicklungen in der Kunstwelt, und für Vielfalt und Reichtum der Gegenwart.“ Der 1963 geborene Enwezor rühmt die Institution: „La Biennale di Venezia ist der ideale Ort um dialektische Bezüge zu erkunden, und die Institution der Biennale selbst wird während der Vorbereitung der Ausstellung eine Quelle der Inspiration sein.“

Im Sog der Repräsentationslogik des White Cube

Im Jahr 2001 startete Michael Mandiberg seinen „Shop Mandiberg“ und erzielte in kurzer Zeit größte Aufmerksamkeit. Der Gedanke, das komplette Hab und Gut über eine für damalige Verhältnisse professionelle Oberfläche zu veräußern, hatte etwas bezwingend Widerständiges mit Blick auf den seit ca. 1997 florierenden kommerziellen Bereich des Webs. Der Ende 2001 geschlossene Internet-Laden ist immer noch zu besuchen.[1] So kann man sich beispielsweise die verkauften Artikel ansehen.

Und weiter ging es mit sehr spannenden Einfällen, etwa der Auseinandersetzung mit Appropriation Art auf „AfterSherrieLevine.com“.[2] Derlei Konzepte spiegelten die bis dato recht unausgegorene Vorstellung über den Status des Originals oder des Werkbegriffs im Allgemeinen und öffneten durch die Möglichkeit des Downloads relativ hochaufgelöster Daten die Frage nach dem Urheber selbst der Konzepte. Bin ich als User, der sich das Portfolio lädt und adäquat ausprinten lässt, diese Bilder exponiert, nicht auch Bestandteil eines kollektiven, schöpferischen Prozesses? Eine Leerstelle, die Sherrie Levine, deren Werk zum Beispiel den Zweck erfüllen sollte, die Ehrfurcht vor den in der Regel männlichen Heroen der Kunstgeschichte zu verlieren, um Bild-Autor-Relationen besser untersuchen zu können, aufgrund ihrer noch der personalen Identität des Künstler_innenbegriffs verschriebenen Konzeptualität nicht zu füllen vermochte.

Spannend gleichfalls sein „Essential Guide“ (2002), der beschreibt, wie man sich Mandibergs Identität aneignet.[3] Gleichfalls das Visualisierungsplugin, das die C02-Produktion von Reisefirmen in deren Webseiten einspiuegelte („Real Costs“, 2007), überzeugte durch ein treffsicheres Konzept in Form einer Intervention.[4] Allerdings erwecken jüngere Arbeiten den Eindruck, als habe sich der Einfallsreichtum erschöpft. Heute entstehen Werke wie „Ransom Money, 1 Million Iraqi Dinar in a Zero Haliburton Case“ von 2012[5], das auf materiell-symbolischer Ebene wie ein konventionelles Konzept kanonisch angewandter Strategien anmutet und ein schickes Objekt für den White Cube darstellt. Damit folgen derartige Arbeiten der normierten Repräsentationslogik des Kunstsystems. Eigentlich erstaunlich, wenn man an die bereits historischen Arbeiten denkt.

[1] S. http://mandiberg.com/shop/.
[2] S. http://aftersherrielevine.com sowie http://www.afterwalkerevans.com.
[3] S. http://turbulence.org/Works/guide/.
[4] S. http://therealcosts.com/.
[5] S. http://www.mandiberg.com/ransom-money/.

Zwiebelhäute der Unfreiheit

Wollen sie in einer Gesellschaft leben, in der Ihnen Haushaltsgeräte, etwa eine elektrische Zahnbürste, diktieren, wie lange sie putzen oder sonst etwas tun müssen? Sie können einwenden, man müsse nicht auf das kleine, scheinbar hilfreiche Feature achten, das im Falle des Geräts, das der Autor verwendet, alle 30 Sekunden vibriert und nach nur zwei Minuten mit einem etwas längeren Endrüttler zu verstehen gibt, dass man sein Soll erfüllt habe. Abgesehen davon, dass es sicher sinnvoller gewesen wäre, die Entwicklung kluger Akkus zu forcieren, als ein solches Gimmick einzubauen, ist das Ignorieren derartiger Gängeleien sowieso nur mit wenig Erfolg beschieden. Sie werden, da gehe ich jede Wette ein, unter solchen Putzbedingungen konditioniert, kontrolliert, strukturiert. Der Schreiber hier weiß, wovon er schreibt. Und wird wieder einmal an das kleine Foucaultsche Einmaleins der Disziplinar- und an Deleuzes Kontrollgesellschaft erinnert.

Wie lebt sich’s im gesegneten neufeudalen System unserer Tage? Mittlerweile sind wir vor allem Übel sicher. Die Geheimdienste beschützen uns vor plötzlich zuschlagendenden Terroreinheiten aus den finsteren Regionen des Planeten, denn sie haben Supercomputer und sehen uns, lesen uns, parsen unsere Äußerungen, werten Big-Data aus, entschlüsseln in Echtzeit und können ohnehin, mit Drohnen bewehrt, mit Allianzen in Soft- und Hardwareindustrie gesegnet, sehen was wir nicht sehen, und anstellen, was wir nicht wissen wollen. Beispielsweise diskret Taliban töten. Aber sollten wir dieses Gebaren und eigenmächtige Handeln, dieses Außerkraftsetzen der Unschuldsvermutung aller, jenes prozesslose Killen nicht anzweifeln? Wie kann es kommen, dass eine Gesellschaft, die auf der so genannten freiheitlich demokratischen Grundordnung basiert, keinen Mechanismus bereit hält, der dieses geheimdienstlich pervertierte Bild bürgerlichen Daseins wieder gerade rückt? Und – im Gegenteil – noch zulässt, dass Aufklärer (hier nicht im Sinne von U2 oder SR71 gemeint) zu Staatenlosen werden.

Morgens der Blick auf die Venus im klarsten Spätherbsthimmel. Und die Augen wandern über Dächer, Mauern, Bäume, Gärten in der Nachbarschaft. Alles ist still auf Erden. Oben ein V aus Gänsen. Schnatternd sammeln sie sich für den Abflug und picken noch einmal in Scharen in den Furchen der abgeernteten Felder an der Donau. Warum, so frage ich mich in diesem Augenblick des Scheinfriedens, lassen wir überzeugte Demokraten es zu, dass uns ein unkontrollierbarer Club von technophilen Gesellschafts- und Friedensfeinden vorverurteilt? Warum gestatten wir es diesen Verfassungsfeinden, Rechtsbeugern, Rechtsverbiegern eine Schattenherrschaft aufzubauen? Wer von euch nebenan erhebt die Stimme?

Später im Bus Richtung Stadt sehe ich die kleine Kamerahalbkugel unterm Himmel des Wagens. Und vorn links neben dem Lenkrad des Fahrers wäre auch der Bildschirm zur Überwachung des Fahrgastinnenraums zu beobachten, wenn nicht wieder so viele Fahrgäste mitführen, dass ich, mit dem Rücken gegen die hintere Tür gedrückt, in Schwitzen gerate und bei jeder kommenden Haltestelle erst einmal diesen Viehtransport verlassen muss, damit andere ein- und aussteigen können. Es ist schon ein merkwürdiges Szenario: Die Verkehrsmittel in Richtung Stadt kommen regelmäßig mindestens fünf Minuten zu spät. Was natürlich auch daran liegt, dass die Route in der Zeit gar nicht zu bewältigen ist – selbst wenn nicht an jeder Haltestelle gestoppt wird. Habe ich längst nachvollzogen.

Und dann schaue ich mich um und entdecke und höre, dass mindestens jeder zweite Mitfahrer unter 18 Jahre alt ist und zudem ein Smartphone „bedient“. Die Jungs spielen meist Ballerspiele, beschießen sich ridikül mit zweidimensional abgebildeten Feuerwaffen aller Art, in dem sie die Flächen der hochauflösenden Displays wie Colts in die Hand nehmen, aber so, dass der Konkurrent auf dem Nebensitz das knatternde Uzi-Geschehen natürlich verfolgen kann. Sie rennen durch Hit-and-run-Games oder traktieren die Nerven mit ihrer Musik, die aus ihren viel zu überdrehten Knopfhörern zirpt. Während die Mädchen, eher brav, aber schon lange nicht mehr „Ach!“ seufzend, in der Regel Kurznachrichten per Facebook oder SMS hin und herjagen. Selbstredend hören die Ladies auch Musik, aber leiser. Always ultra, always on. Jeder schaut auf in die Scheinfülle des verflachenden Displays. Der ewige Film spult sich ruckelfrei ab, denn ansatzweise haben die Geräte bis zur nächsten Betriebssystemsteigerung Leistung genug, um dem Beta-Stadium fürs Erste entkommen zu sein. Was jedoch zum Beispiel nicht funktioniert, ist das Aufrücken und Auffüllen der Leerräume im Gang, wenn die Karre mal wieder beinahe aus allen Nähten platzt. Der Busfahrer, dieser Lenker und Überwacher, schafft es nicht, den Passagieren zu bedeuten, dass es für alle Beteiligten ganz passabel wäre, wenn der freie Platz mitgenutzt würde. Passivität überall. Manchmal ist das richtig gruselig. Physisch scheinüberwacht vom Fahrer, der es nicht hinbekommt, sein Mikro in die Hand zu nehmen, um den jugendlichen Zombies ein wenig Kooperationsbereitschaft aufzuzwingen. Lieber fährt er anscheinend resigniert in die programmierte Verspätung. Und währenddessen digital sind alle „User“ überwacht von wem auch immer. Das Leben in Zwiebelhäuten der Unfreiheit.

Gilles Deleuze schreibt 1990 in einem kurzen Aufsatz über die Ablösung der Foucaultschen Disziplinargesellschaft durch die Kontrollgesellschaft: „Man braucht keine Science-Fiction, um sich einen Kontrollmechanismus vorzustellen, der in jedem Moment die Position eines Elements in einem offenen Milieu angibt, Tier in einem Reservat, Mensch in einem Unternehmen (elektronisches Halsband).“ Lassen wir die stark klassifizierende Ordnung (Hospital, Gefängnis, Arbeit, Schule), die Foucault entlehnt und aktualisiert wurde, außer Acht und ersetzen wir das elektronische Halsband durch Smartphone oder andere Devices, und schon sitzen wir wieder im Omnibus und lesen auf dem Mobiltelefon Texte über die Enthüllungen von Edward Snowden.

Aber Vorsicht. Kommt damit nicht alles in einen Topf? Das optische Überwachen, das Klägliche ihrer alltäglichen Erfolglosigkeit? Vermengt mit dem digitalen Schleppnetz, das sich an Überseekabel, Backbones und interne Firmennetze klebt, in Providern und Privatrechnern einnistet und nicht nachweisbar, weil strategisch-methodisch verschleiert – zu unserem Besten, versteht sich – gleichfalls erfolglos auf im Falle der NSA scheinbar 50 verhinderte Terrorattentate verweist, um ihre Daseinsberechtigung und unstillbare Gier vor der Öffentlichkeit mit Häppchen ihres Scheiterns zu garnieren? Alles ist der Verehrung der Naivität geschuldet. Alles was der Fall ist, muss auch berechenbar sein. Meine Zahnbürste rattert, und ich schaffe es nicht mehr, über die oktroyierten zwei Minuten hinauszuputzen. Es gibt gute Gründe, etwa den Zeitmangel. Die Monströsität der unterschwelligen Unterwanderung meiner Gewohnheiten erschüttert mich nicht mehr. Der Wandel ist längst vollzogen. Ich sitze tagsdarauf in einem Bus einer anderen Linie und schlage ein Buch aus Papier auf, weil dieser Bus unerklärlicher Weise freie Plätze aufweist. Lese Baudrillard, Virilio, Kittler und genieße ihre Übertreibungen, die mittlerweile historisch geworden sind und wie eine wohltuende Stimme aus der Vergangenheit den Appell an uns richten, dass wir uns gefälligst nicht zu wundern oder zu empören brauchen. Weil sich in den gegenwärtigen Aufdeckungen nur das in den Zeiten je verschieden changierende Spiel der spielerischen Perfidie einer nicht integrierten und nicht zu integrierenden Kaste zu erkennen gibt. Aber wie nur geht es weiter? Auch dafür gibt es Antworten: Denken sie eine beliebige mediale oder technische Neuerung. Sie wird okkupiert und garantiert nicht im Bürgersinn eingesetzt. Wollen wir es wirklich zulassen, dass es immer so weiter geht?

Alte Meister und Allan Sekula

Im vergangenen Monat erlebte ich die wunderbare Arbeit der Kuratoren der Alten Pinakothek, München, wie sie Teile der Bestände der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in ihr Haus führten und zu einer fantastischen Ausstellung über Typologie, Präfiguration und Darstellungen des Alten Testaments zusammen komponierten. Meine Rezension unter dem Titel „Ein Netzwerk der Verheißungen“ dazu im artmagazine.cc.

Allan Sekula war ein engagierter Künstler, der ein höchst spannendes Werk hinterlässt. Er starb am 10. August. Einen Nachruf habe ich für das artmagazine.cc verfasst.

Reduktion mit politischem Teewürfel

In assoziativer Anwendung des Begriffs «Minimal» zeigt das Neue Museum, Nürnberg, eine in Teilen höchst amüsante Ausstellung mit Werken von Künstlern, die sich mit dem Geometrismus, aber auch mit der Minimal Art auseinander setzen. Die Gestaltung der Räume besorgte Gerwald Rockenschaub. Wer nach Nürnberg kommt, sollte sich die Schau nicht entgehen lassen. Hier meine Rezension fürs artmagazine.cc.

Herkules im Olymp

Kassel. Das Welterbekomittee der UNESCO hat in seiner Sitzung am 23. Juni in Phnom Penh, Kambodscha, beschlossen, den Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel in die Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt aufzunehmen, berichten Sprecher der Museumslandschaft Hessen Kassel. Das Komitee schätzt das Ensemble «als einzigartige Kulturlandschaft» ein: Die Experten würdigten die Kasseler Wasserspiele als «außergewöhnliches und einmaliges Beispiel monumentaler Wasserbaukunst des europäischen Absolutismus». Als Erbe der Menschheit gilt nun gleichfalls die monumentale Herkulesfigur. Sie sei technisch und künstlerisch die anspruchsvollste Großskulptur der Frühen Neuzeit. «An keinem anderen Ort der Welt sei jemals eine am Hang gelegene Parkarchitektur mit vergleichbaren Ausmaßen und einer technisch so vollkommenen Wasserarchitektur ausgestattet worden, wie in Kassel seit 1691 unter Landgraf Karl», zitiert das Museum die Einschätzung der UNESCO.

Herkules - Bergpark Wilhelmshöhe, Kassel. Foto: MHK

Der Bergpark Wilhelmshöhe ist die 38. Welterbestätte in Deutschland. Seit 2007 arbeitete Kassel an dem Antrag zur Aufnahme, der 18. Januar 2012 der UNESCO in Paris übergeben wurde. Die UNESCO-Liste des Welterbes umfasste im Juli 2012 insgesamt 962 Denkmäler in 157 Ländern. Davon waren 745 als Kulturdenkmäler und 188 als Naturdenkmäler gelistet, weitere 29 Denkmäler wurden sowohl als Kultur- als auch als Naturerbe geführt.

(c) Foto: MHK

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk bzw. Inhalt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Time-Out in Regensburg

12. Februar 2013: Gibt es so etwas wie einen Time-Out? Oder mahlen einfach nur die Mühlen so ungeheuerlich langsam, dass es schlichtweg Zeit braucht, bis sich in manchen Museen etwas bewegt? Der Musentempel, klar, ist in der Regel nicht so schnell wie die kommerzielle Galerie. Das braucht er auch nicht zu sein, behütet er doch seine Schätze für die Ewigkeit und nicht den nächsten Laufkunden. Zumal das ICOM weltweit Richtlinien, regelrechte und wenn man will bindende Standards für öffentliche Museen definiert hat: wie man sammelt, forscht, bewahrt und vermittelt. Aber hierzulande gibt es Häuser, die den Interessierten – zumindest aus Besucherperspektive – dazu zwingen, die Langsamkeit nicht nur zu entdecken, sondern sie auch – zumindest indirekt – als Qualität gelten zu lassen. Eins dieser Institute, die ihre Besucher am ausgestreckten Arm verhungern lassen, ist das Kunstforum Ostdeutsche Galerie (KOG) zu Regensburg.Dabei hat der Bürger der ehrwürdigen Puppenstube zwischen Wurstkuchl und armlosem Bruckmandl an der Donau, dem bronzenen Don Juan d’Austria und Tante Glorias verfallendem St. Emmeram doch einiges zu erwarten, wenn er sich die Mühe macht, die Selbstbeschreibung des Hauses auf seiner Internetseite zu lesen. Dort steht nämlich: „Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg ist das herausragende Kunstmuseum in Ostbayern und darüber hinaus ein Spezialmuseum mit einem bundesweit einzigartigen Auftrag. Wir bewahren das Kunsterbe der ehemals deutsch geprägten Kulturräume im östlichen Europa.“ Von diesem kuriosen Auftrag soll an dieser Stelle kein Wort fallen. Das hat der Autor andernorts schon hinreichend unternommen. Aber das derart selbstbewusste Prädizieren des Hauses kann eigentlich nur der Tatsache geschuldet sein, dass es ansonsten in Ostbayern recht schlecht bestellt ist mit interessanten, hochwertigen Sammlungen in der öffentlichen Hand. Und natürlich den eher simplen Übetreibungsgesten der bekanntermaßen untauglichen Kulturpolitiker vor Ort.Fakt ist jedenfalls, dass nach einem Besuch am vergangenen Wochenende wieder einmal der Heimgang mit Kopfschütteln die Folge war. Die Räume sind ohnehin nicht opulent in ihren Ausmaßen. Das Obergeschoss beherbergt einen mikroskopischen Bruchteil der Sammlung, die aus 2000 Gemälden, 500 Plastiken und um die 30 000 Papierarbeiten besteht. Die Werke aus dem Privateigentum des Ex-Kritikers Hans-Peter Riese werden gerade für eine Schau im unteren Wechselausstellungsbereich vorbereitet, so dass sonst nichts zu sehen ist, außer dasjenige, für das man sich selbst über den grünen Klee lobt: eben jenen Ausschnitt. Und dass seit 2005, wie eine Sprecherin auf Anfrage mitteilte. Man kann es nicht nachvollziehen. Seit 2007 lebt der Autor hier in der Oberpfalz. Im Treppenhaus erfreute er sich beim ersten Besuch an einer leider nur temporären Bezeichnung durch Dan Perjovschi. Damals dirigierte noch Ulrike Lorenz, heute Kunsthalle Mannheim, das Haus, die für das Arrangement verantwortlich zeichnete. Die allerdings verließ den Ort recht bald, und mit Andrea Madesta kam eine engagierte, vielleicht zu impulsive Persönlichkeit, was zur Folge hatte, dass die unduldsame Obrigkeit und die sitzfleischigen Angestellten sie kurzerhand aus der Bude mobbten. Im April des letzten Jahres trat dann Agnes Tieze die Nachfolge an. Und außer vollmundigen Beteuerungen, dass doch jetzt ein Neuanfang kommen werde (Mittelbayerische Zeitung, 18.4.2012), passierte in der Sammlungspräsentation – tja, was sonst: nichts. Aber womit anfangen? Vielleicht doch mit der Sammlung? Nein. Da hängt seit acht Jahren fast alles so wie es hing. Das heißt: Die Administration verschleißt seit Jahren Direktorinnen, aber es ist nicht möglich, dem regelmäßigen Besucher ein attraktives Programm auf der Basis der eigenen Bestände und eine aktive Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Depots zu bieten? Wo ist da die von Ihnen beschriebene Exzellenz in Ostbayern, meine Herrschaften?Auf der Internetseite (11.2.2013) heißt es: „Neue Einblicke eröffnen unsere Themenführungen ab Januar 2013: Wechselnde inhaltliche Schwerpunkte ermöglichen ein vertieftes Verständnis der Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.“ Prima. Und das immer anhand fast derselben Werke. Gerechterweise darf nicht unerwähnt bleiben, dass „jedoch im Rahmen der thematischen Räume immer wieder Neuerwerbungen integriert [werden]. So hängt seit 2011 im Kuppelsaal das Gemälde ‚Frühling im Lauterbrunner Tal‘ von Ludwig Richter. 2012 sind drei neue Bilder hinzugekommen: das 2010 angekaufte Gemälde ‚Porta Bohemica‘ von Carl Schumacher und zwei Leihgaben aus dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg: Johannes Molzahns ‚Blühender Kelch‘ von 1920 und Alexander Kanoldts ‚Stillleben II/27‘ von 1927“. Kein Zweifel, es gibt zudem kuriose wie spannende Gemälde zu sehen. Etwa einen brennenden Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert. Und „Das große Martyrium“ (1907) von Lovis Corinth ist gleichfalls ganz wunderbar. Aber den enzyklopädischen Blick auf den Weg ins 20. Jahrhundert sollte man andernorts suchen. Dieses Klein-Klein in pseudopädagogischer Hängung nach Themen, die klitterhaft willkürlich erscheinen, steht allerdings hier nicht zur Debatte. Viel interessanter ist es für den Besucher, zu wissen, was sich denn nun im Depot befindet. Die naive Variante der Frage: Warum werden keine anderen Bilder gezeigt? Was hat diese Statik zu bedeuten? Nicht vorstellbar, dass man die Sammlung nicht in einem Dreivierteljahr neu kombinieren, neu arrangieren und präsentieren kann.Möchte Frau Tieze etwa nicht produktiv mit den sicher herausragenden Beständen arbeiten? Doch will sie. Es gebe sogar schon ein Konzept, aber schließlich habe Frau Tieze dieses Jahr zwei Ausstellungen zu kuratieren. Im Jahr 2015 soll die Schausammlung dann in neuer Form eröffnet werden. Aber warum nicht als erstes mit dem eigenen Bestand beginnen? Will man denn keine Besucher? Die Anwohner kämen nämlich dann vermehrt, wenn sie das Gefühl bekämen, man kümmere sich um das Eigentum. Andere Städte zeigen das. Es ist das überaus positive Ergebnis der nun stetig stärker erfolgenden Relativierung der Bedeutung kurzfristiger Erfolge durch publikumswirksame Wechselausstellungen und der Besinnung auf den eigenen Bestand. In Regensburg ist davon erst einmal nichts zu bemerken. Selbst die höfliche Anfrage bezüglich des Zustands wird nur aufs eigene Nachhaken beantwortet. Man hat es offenbar nicht nötig. Der Besucher verharrt in seinem Time-Out-Gefühl. Lässt sich durch oberflächlich „interessante“ neue Sichtweisen qua Führung einlullen oder geht erst gar nicht hin – was die Regel zu sein scheint. Wie ist das zu verstehen angesichts einer Selbstbeschreibung, in der Adjektive wie „herausragend“ fallen?