Coaching querdenken

Frisch auf dem Markt: Sascha Büttner hat mit mir zusammen ein Buch über Coaching geschrieben. In der Arbeitswelt definiert Kommunikation die Unternehmungen. Es geht nicht mehr ohne. Es geht auch nicht mehr ohne das Nachdenken über das Wie. Damit ist man im Betrieb meistens überfordert. Coaching durch einen Profi scheint der Ausweg zu sein. Doch was steckt hinter diesem Phänomen? Bietet Coaching Methoden zum Besserfühlen? Oder ist es mehr? Wie kann man Arbeit und Arbeitswelt heute menschlich denken? Worauf könnte es ankommen, wenn es darum geht, den Menschen in der Arbeit nicht als reinen Produzenten steigenden Shareholder Values zu verstehen? Sascha Büttner und ich haben auf unkonventionelle Weise, in Form von Gesprächen, Notizbüchern, kleinen Stories und Bildstrecken, miteinander darüber nachgedacht: ein Coach, ein Kunstkritiker, ein Thema das alle bewegt, die führen, die Verantwortung tragen, die sich ihrer Arbeit im Unternehmen mit ihren Mitmenschen bewusst sind: unterhaltsam und nachdenklich.

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Süchtig nach Autokraten

Wir werden es noch klarer sehen. Sie war keine Alternative, selbst wenn ihre private Serverei nicht wirklich dazu taugen sollte, eine Präsidentschaftskandidatin in den USA zu desavouieren. Auch die horrenden Honorare, die sie einstrich, eigneten sich nicht, um Hillary Clinton zur nichtwählbaren Figur zu kneten. Der Grund liegt woanders: Sie war schlicht zu zeitgenössisch-amerikanisch. Nämlich eine Seite der US-Medaille. Von Establishment will man gar nicht schreiben, denn die polternd sexistisch-chauvinistische Scheinalternative auf der anderen Seite gehört schließlich auch dazu. Die charakterlose Unperson dieses tumben, despotischen Immobilienfuzzis ist nicht dazu angetan, dieses Land zu retten, denn, das muss leider konstatiert werden: Amerika ist nicht zu retten. Es hat lediglich ein weiteres Mal auf seine recht merkwürdige Weise gewählt und wird exakt den Präsidenten bekommen, den es von Herzen begehrt. Natürlich zum Leidwesen derer, die mehr als nur double digit IQs besitzen und eher humanistisch-europäischer Prägung sind.

Nein, das Land der double standards hätte in jedem Fall angesichts dieser Kandidaten ausschließlich sich gewählt. Selbst wenn Clinton das Rennen gemacht hätte, denn auch sie steht für einen kaputten Teil des Landes. Man sage nicht, es habe keine Alternative gegeben. Ja, eine gab es: Zur Wahl stand mit Bernie Sanders tatsächlich ein Mensch mit Veränderungswillen und Glaubwürdigkeit, doch wie sich schon in den schmuddelig abgelaufenen Vorwahlen gezeigt hatte, war dies eine unmöglich zu realisierende Volte des letzten Rests Anstand, Würde und politischer Vernunft. Im Nachhinein ist es natürlich bemerkenswert, wie man sich, in der guten Hoffnung, diese Frau sei besser für den Planeten, auf Clinton gestürzt hat. Aber die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Jetzt sieht alles es anders aus. Sanders wurde verhindert, weil diese Nation einen derartigen Kopf, einen derartigen Gestaltungswillen gar nicht verträgt. Man kann bloß spekulieren, dass im Falle seines Wahlsiegs, das Land der Freien in eine kollektive Psychose gefallen wäre.

Eigentlich sollte man es dabei belassen, wäre da nicht der größere Rahmen. Wir werden sehen, welche Richtung nun der Globus nimmt. Denn das ist das Interessante nach dem Trubel der Nacht. Fürchterlich ist aus dieser Hinsicht eines: Es gibt ernstzunehmende Anzeichen, dass die Sucht nach autokratischen Dummköpfen aus globaler Perspektive gegenwärtig der Mainstream ist. Egal wohin man schaut: Die großen Pötte – und mit Ungarn, Polen oder der Türkei auch kleinere – werden von Männern regiert, die für ein System korrupter Heilversprecher stehen, denen nichts Besseres einfällt, als jedes komplexe Problem so lange mit der Planierraupe zu überfahren, bis nur noch der linke und rechte Fahrstreifen übrigbleiben. Trump ist Bestandteil dieses narkotisierenden Turns, und er wird weiter Schule machen.

Es zeigt sich einmal mehr, dass Misanthropen und Pessimisten die besten Propheten sind. Und in einer merkwürdigen Schleife beginnt man zu denken, dass den Bürgern einfach nicht zu trauen ist. Man sie deswegen streng an die Hand nehmen müsse. Die hat natürlich stark zu sein, womit sich die Schleife zum Strick um den Hals bindet. Jetzt läuft alles nach diesem Programm, in dem sich genau diese Endlosschleife, dieser Bug nicht mehr zu verstecken braucht, weil er längst hoffähig geworden ist. Die Stimme des Volkes ist immer schon trügerisch gewesen, was in unserem Land zu höllischen Zeiten führte, aus denen wir, so dachten wir, ja eigentlich mit einem recht ausgeklügelten demokratischen System herausgekommen sind. Aber auch hier geht es ja längst los, und es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis die gesamte menschliche Dummheit über die Erde regiert. Oder tut sie es mit Blick auf die wahren Probleme nicht schon immer?

Die Wahl in Amerika ist nicht der Anfang. Der Globus steckt längst im Prozess exponentiellen Anwachsens der Blödheit. Das hat so etwas von selbstvergessenem Totentanz, wenn ein Trump oder Orban uns mit Scheinwahrheiten und Nicht-Lösungen zu fangen versucht. Aber diese simple Rhetorik wirkt. Ein Freund nannte unsere Gegenwart soeben das postfaktische Zeitalter. So ist es wohl. Trump ist nicht mehr als ein weiteres Indiz für die Trostlosigkeit dieser Wahrheit, in der sie selbst nicht mehr vorkommt. Die Welle ist nicht aufzuhalten.

Beschworene Scheinfreiheit

Eine ganz private Erwiderung auf eine Randdiskussion zum „Clash of the arts“ in der „Mittelbayerischen Zeitung“.

Kunst als Kollektivsingular ist in Regensburg ein beeinträchtigtes Wesen, glaubt man den Äußerungen von Akteuren des „Clash of the arts“, die am vergangenen Samstag acht Thesen zur Befreiung derselben von der Wirtschaftlichkeit an verschiedene Pforten in der Stadt anschlugen. Auslöser für diesen historisierenden Akt sind offenbar das kreativForum Regensburg, der Link zwischen Kreativen und der Wirtschaft allgemein und die Wirtschaftsförderung im Besonderen. Mit dieser nachahmenden Geste wenden sich die Aktivisten gegen die angeblich durch ökonomisches Denken von außen verseuchte Ecclesia der Freien Kunst. Zunächst: Was sagt diese Geste? Ist es ein Trittbrettfahren oder Aemulatio? Angemessen oder albern? So war’s einmal vor einer handvoll Jarhunderten: Die Kunst des anerkennenden Kopierens, ja, das galt als altehrwürdige Art und Weise, das Schaffen der Vorbilder durch das Übertreffen zu aktualisieren. Doch das ist längst Kunstgeschichte. Heute? Eine Art Gottesdienst für die längst Geschichtsträchtigen? Luther im Kopf – ein Berg. Nur er hat so historisch folgenreich gehämmert. Wie sind nun seine Nachahmer in ihrem eigenen historischen Wert einzuschätzen? Welche Rhetorik verbirgt sich dahinter? Oder war diese Veranstaltung im Kunstverein GRAZ nur das satirische Unterfangen einer Reihe von Künstlern, die ihre persönliche Selbstbehauptung inszenierten? Da denke ich doch gern einmal drüber nach. Allerdings weder als Journalist noch als Wissenschaftler. Vielmehr als privater Mensch mit gewissen Erfahrungen in der Kulturarbeit, aber auch als Sprecher des Pressemarkts im kreativForum. 

Kern und Ärgernis gemäß Bericht in der „Mittelbayerischen“ (MZ), da wird kein Hehl draus gemacht, ist eben jenes kreativForum, das sich 2014 auf Initiative des Creative Monday als loser Interessenverbund im Zuge der Aufbruchsstimmung nach Abwahl der CDU formierte und derzeit auf dem besten Weg zur Vereinsgründung ist. Es besteht aus zwölf Segmenten, in denen ganz unterschiedliche Branchen schöpferisch Tätiger – Designer, Journalisten, Galeristen, Künstler, Musiker, aber auch Architekten und Schmuckgestalter, Radioleute und so weiter – aktiv sind. Gemäß der Kategorisierung des Bundeswirtschaftsministeriums, bündelt die Initiative Gewerke der so genannten Kreativwirtschaft. Das stößt anscheinend auf den Widerstand der Künstler. Sie empfinden diese Verbindung zwischen Wirtschaft und Kunst offenbar als Korsett, als Behinderung ihrer künstlerischen Freiheit und damit als illegitime Beeinflussung. Zumindest klingt es so, wenn man den Bericht vom Montag in der MZ liest. Man kann nur mutmaßen, dass die Aversion ihren Ursprung auch in der guten Beziehung und dem Draht zur Wirtschaftsförderung hat. Die nämlich hat nicht zuletzt nach dem aufmunternden Impuls des Oberbürgermeisters Joachim Wolbergs (SPD) den Blick auf die schöpferischen Kräfte der Stadt gerichtet. Ist das etwa ein Zuviel an Stadtnähe?

Ein als greifbar erklärtes, scheinbares Handicap wird dingfest gemacht und desavouiert: das Degginger in der Wahlenstraße. Angemietet und umgebaut von der Stadt, fungiert es nun als Gaststätte, Treffpunkt und Veranstaltungsort mit deutlich positiver Resonanz seitens der Bürger. „Es bietet für Musiker oder Schauspieler keine Möglichkeit zum Proben“, konstatierte Albert Plank, Vorsitzender des GRAZ, in der Mittelbayerischen Zeitung. Dazu war es nie gedacht. „Lasst uns in Ruhe unsere Kunst machen“, forderte Albert Plank weiter. Warum dann der Wachrüttler namens „Clash of the arts“? Überhaupt: Welche Künste geraten eigentlich in Konflikt? Mit dem Blick auf den Kontext sollte man’s Fordern bleiben lassen. Das verdreht die Fakten und die Geschichte des Degginger-Hauses. Sicher kann man infragestellen, ob die Stadt überhaupt Kreativwirtschaft betreiben sollte, ob die Wirtschaftsförderung überhaupt das Attribut „kreativ“ benutzen darf, um zu fördern, aber, liebe Künstlerschar: Ihr seid lediglich eins von zwölf Segmenten, und von Anfang an ging es im kreativForum niemals darum, das Degginger als Atelier-Traum für ein exklusives Händchen voll Ortsansässiger einzurichten.

Und es ging dem kreativForum nie darum, höhere Alimentierungen dem Kulturamt abzupressen, denn, aufgepasst, das kreativForum arbeitet, wenn überhaupt, nur mit der Wirtschaftsförderung zusammen. Und zwar aus dem notwendigen Bedürfnis heraus, einen Cluster zu bilden, der über die Sparten hinweg als Lobby im besten Sinne des Worts dazu in der Lage ist, die Interessen der dort Organisierten zu bündeln, auch um deren ökonomische Situation zu verbessern. Es ist Host vor Ort, um ohne Blick auf Alter und Berufserfahrung sowie über die Branchen hinweg Vernetzungen zu ermöglichen, wie sie etwa in der Automobilbranche oder in der Biotech seit Jahren Alltag sind. Und, liebe Künstler, das beginnt zu funktionieren. Und ja, es geht hier ums Geldverdienen. Daher die Ansiedlung der Kreativwirtschaft bei der Wirtschaftsförderung.

Machen wir uns nichts vor: Die Wirtschaftskraft der vorwiegend Freien ist generell in diesem Land enorm, ihre Honorierung in vielen Segmenten jedoch miserabel. Das Selbstwertgefühl von Freien endet meist auf Höhe der Oberkante des Bordsteins, verglichen mit dem von Anwälten, Bankern, CEOs oder Kieferchirurgen. Daraus erklärt sich vielleicht die von mir als enorm unangenehm empfundene, grundsätzlich bittstellerische Haltung, die Kulturschaffenden in Fleisch und Blut übergegangen ist, weil man sich unbewusst als hilfsbedürftiger Versehrter im Betrieb versteht und diese passiv-aggressive Haltung auslebt. Das sollten bildende Künstler mittlerweile auch erkannt haben. Und gegen ein derartiges psychisches Flagellantentum hilft weder der Schrei nach mehr Förderung ,noch das Konstatieren, dass sowieso alles mies und vetterngewirtschaftet sei. Dagegen hilft nur eine professionelle Organisation, die die Interessenlage ihrer Mitglieder im Blick hat. Das hat mit der Freiheit zur Arbeit und deren Inhalten und Darreichungsformen erst einmal nichts zutun. Allerdings: Wer eine große Lippe riskiert, muss auch mit den Konsequenzen leben. Doch eine davon könnte sein, dass risikofreudige Stimmen mit einer Lobby eher Gehör finden. Doch die in der MZ gedruckten Einlassungen schließen derartige Möglichkeiten von vornherein aus. Ziel kann doch nicht das unbehelligte Herumwurschteln sein, das mit Freiheit verwechselt wird. Wie gesagt: Inhalte, Formate, Medien tun hier gar nichts zur Sache. Sondern Strukturen. Und die werden nicht einmal ansatzweise sensorisch erfasst.

Apropos Strukturen? Noch ist es beispielsweise eine Utopie, dass öffentliche Einrichtungen, Museen oder Kunsthallen, aber auch Kunstvereine gesetzlich dazu verdonnert wären, Ausstellungshonorare zu zahlen. Rheinland-Pfalz will es implementieren, steht damit aber als Bundesland allein auf weiter Flur. Was die Lage der freien Journalisten, Blogger, Fotografen anlangt, wird diese immer dramatischer – trotz der Arbeit der großen Interessenverbände wie DJV oder Verdi. Oder gerade deswegen? Die Reihe notleidender Gewerke lässt sich fortsetzen. Neulich las ich von zusehends ins wirtschaftliche Aus gedrängten hochkarätigen Architekturbüros, die eben nicht Schuhschachteln nach Spießernorm basteln, sondern sich um zeitgenössisches Bauen international verdient gemacht haben. Grund für die wirtschaftlichen Desaster: Bauherren klagen, und den Büros geht irgendwann die Puste aus. Der Druck ist da. Und er lastet auf jedem einzelnen von uns. Wer das mit Blick auf die bildende Kunst nicht wahrhaben will, dem empfehle ich das aufschlussreiche Buch von Hans Zitko („Kunstwelt. Mediale und systemische Konstellationen“. Hamburg, Philo Fine Arts, 2012).

Ein Blick in die Geschichte, und die Aktion, wie sie in der MZ beschrieben ist, mutiert sofort zur Komik, denn sie beschwört den naiven Autonomie- und Freiheitsbegriff des Künstlers, den es in der (wirtschaftlichen) Realität nie gegeben hat: Gab es eigentlich keine Geschichte des Künstlerbegriffs nach dem Zeitalter der Bürgerlichkeit? Keinen Warhol, Beuys, kein Fluxus, keine Konzeptkunst, Performance, Situationisten und so fort? Und ihr Aufgefangenwerden vom alles gefräßigen Kunstmarkt? Die normative Kraft des Faktischen lautet: Keine Kunst ohne Markt. Punktum. Künstler können sich selbst als institutionalisierte Außenseiter stilisieren, lange Bärte und Samtanzüge tragen, in Togen wie die Nazarener in Rom herumlaufen oder anlässlich Vernissagen wie britische Adlige im Rolls Royce Silver Wraith von 1956 vorfahren: Es ist gleich, was sie sich an oberflächlichen Scheinfreiheiten herausnehmen, Steuern müssen bezahlt, Rechnungen beglichen werden, und irgendwann möchte man auch mal von dem, was man gelernt hat und was man vom Inhalt her lebt und liebt, auch leben können. Was u. a. vielen bildenden Künstlern nun einmal nicht vergönnt ist. Und diese Situation ist nicht dazu angetan, eine relationslose Freiheit für die Akteure anzurufen, zu fordern, ja zu beschwören, die Künstler in ein wirtschaftliches und psychisches Vakuum befördern würde. Das ist in meinen Augen purer Nonsens.

Übrigens: Wer da jammert, er käme nicht zum Zuge, ist vielleicht schlecht informiert, schlecht organisiert und versteht sich selbst vielleicht nur als eine Art Monade, ausgestattet mit einer selbstzugeschriebenen Gnade an Talent und Fähigkeit, die nur niemand wertzuschätzen weiß? Oder vielleicht doch nicht so talentiert? Das ist gemutmaßt, ja, aber was steht denn dahinter, wenn so derart massiv-manifesthaft unter Aufbringen des schwerster Luther-Geschütz-Ikonografie gegen das Wirtschaften oder die Kreativwirtschaft geschossen wird? Die Stellung mit dem Rücken zur Wand ist übrigens sehr bequem. Man fällt nicht so leicht um, und das Rückgrat wird auch noch geschont. Nach einer Weile schließen sich jedoch die Augen, weil aufgrund Bewegungsmangels das allzulange Stillstehen einschläfert. Und dann übersieht man, dass jeder Mensch in der Gesellschaft ein ökonomisches Subjekt ist.

Also: Künstler sollen unbedingt frei sein, sollen grenzenlos mit Raum und Mitteln alimentiert werden? Und sie sollen tun und lassen können, wozu sie lustig sind? Da sehen wir wieder die Bärte von Gustave Courbet und den Barbizon-Schülern sprießen. Wir lesen die Adorationen der Kunsthistoriker des 19. Jahrhunderts über die Monolithen des Fachs, die stolzen, teils erfundenen Viten, die das Genie als kosmische Individualität in Persona Michelangelos und weiteren Protagonisten zelebrierten. Und dabei natürlich die einen oder anderen historischen Fakten nicht bemerken konnten, weil die Quellenlage nicht so aufschlussreich war wie heute. Und jetzt reiten sie wieder, die angegrauten apokalyptischen „Angry Young Men“ auf ihren postpostpostavantgardistischen Schindmähren, die sich aus den Schein-Stallungen zwangswirtschaftlicher Abdecker befreien wollen. Aber sitzen sie nicht vielleicht verkehrt herum in ihren Sätteln? Oh Rosinante. Wirf mich ab!

Um es ganz offen zu sagen: Derartig rückwärtsgewandtes und vor allem insulares Denken behindert und bremst aus. Nicht nur die Urheber dieser Gedanken selbst. Es ist die typisch isoliert-isolierende Denkweise von Akteuren, die sich stets mit den 30 Prozent Fördergeldern aus den Kulturämtern zufriedengeben und wie die frisch geschlüpften, struppigen Spatzen im Nest die Schnäbel aufsperren, wenn die Kommune etwas zu verteilen hat. „Ateliers, Ateliers…“, zwitschert es allerorten. Und alles verharrt vor Ort im Mittelmaß. Nicht nur in Regensburg. Das ist natürlich auch ein bequemes Leben! Dem ist entgegen zu halten: Erhalten wir den Status quo, tut sich hier gar nichts. Und jetzt mal allen Ernstes: Hat sich jemals einer von den Thesenschlägern das Anliegen der im kreativForum Arbeitenden persönlich angehört? Es spricht Hybris aus jener Haltung der Nichtwahrnehmung. Und der Mut zur Selbstverstümmelung. Hacken wir Künstler (oh, Verzeihung, ich bin ja keiner) uns also immer wieder die Leber selbst aus, indem wir bewusst missverstehen, was dort eigentlich seit zwei Jahren versucht wird. Immer feste drauf, dann kommen wir zumindest in die Zeitung. Na, wenn das mal nichts ist? Danach dann bitte weiter schlafen. Mit dem Rücken zur Wand. Alle anderen, die tatsächlich etwas bewegen wollen, erkennen, dass sie mit ein wenig Struktur in einem aktiven Netzwerk etwas erreichen. Vor allem, wenn dieses Netzwerk eben nicht nur die eigene Zunft umfasst, wächst und die Maschen immer dichter werden.

Hier ein Dank an David Liese und Albert Plank, die mich großzügig über den Clash und die Inhalte informiert haben. Um Transparenz bemüht, füge ich unten den Wortlaut der Thesen und die Pressemitteilung zum „Clash of the arts“ ein:

KÜNSTLERGRUPPE SCHLÄGT KLARSTELLUNGEN AN 

Regensburg entdeckt in der „Kultur- und Kreativwirtschaft“ gerade einen Motor für die Standortentwicklung. In die Debatte um Begriffe wie „Kreativität“ an sich, aber auch um die Frage, welche Stoßrichtung die Kunst in Regensburg künftig einnehmen will, wirft die „Gruppe 22.10.“ einen Diskursbeitrag in Form eines ANSCHLAGS VOM 23. OKTOBER, der 8 Klarstellungen zur Kunst in Regensburg enthält. 

Das Papier wurde bei einem festlichen Abendmahl im Kunstverein GRAZ am vergangenen Samstag erarbeitet und am Sonntag, 23. Oktober, an kunstneuralgischen Punkten wie dem städtischen Kulturreferat, der Kreativ-Kantine DEGGINGER, dem Alten Rathaus sowie der Städtischen Galerie im Leeren Beutel an die Tür genagelt. 

Es folgt der von der Künstlergruppe verfasste Text im Wortlaut: 

ANSCHLAG VOM 23. OKTOBER 2016 
1. Wir sprechen nicht für eine Gruppe. Wir sprechen für alle. 
2. Wir sind unvertretbar. 
3. Unser Narzissmus ist nicht kostenlos. 
4. Wir sind keine Ornamente. 
5. Kunst darf nicht mehr behindert werden. 
6. Kunst wählt die Räume, in denen sie spielt, selbst. 
7. Kunst überfordert Verwaltung und Politik. 
8. Die Kreativwirtschaft muss um das Cluster der 
Unwirtschaftlichkeit ergänzt werden. 
GRUPPE 22.Oktober 

Die offene Gesellschaft zum Abschuss freigegeben?

Es ist immer wieder eine Freude, aktiven Studierenden bei ihrer Arbeit helfen zu können. Yassin Safidine hat eine schöne Webseite zum Thema Überwachung mit Blick auf Ausstellungen des Karlsruher ZKM im Rahmen der Globale aufgesetzt (http://safidine.wix.com/global-control). In diesem Zusammenhang hat er mich mit seinen Fragen angeregt, mal wieder über ein Dauerbrenner-Thema nachzudenken: die globale Überwachung. Es gilt, so mein Fazit, weiter die Devise #resist! Wir müssen die Vorstellung von einer offenen Gesellschaft anstreben, gestalten und diese auch vor Feinden aus verschiedenen Lobbies schützen.
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Sprachlos im Status quo

Textstelle [1]: Wer gibt den Ausgegrenzten auf der Flucht eine Stimme? Klaus-Michael Bogdal konstatiert in seiner 2011 erschienenen literaturwissenschaftlichen Studie über die „Erfindung“ der Zigeuner, dass eine gewisse Form von Historizität und Bedeutung erst mit einer eigenen Sprache zugestanden wird. Das jedoch haben die flüchtenden Menschen in Not heute nicht, da sie aus ganz unterschiedlichen Staaten stammen und nicht mit „einer Stimme“ reden. Damit wird diese Sprachlosigkeit auch zur Waffe für diejenigen, welche versuchen, jene Menschen durch nautische Metaphern zu dehumanisieren.
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Werfen und Holen im Sein

Die kommunikative Situation zwischen Hund und Mensch ist etwas Besonderes. Darüber durfte ich nachdenken, weil mir Kirsten Klöckner, Künstlerin und Herausgeberin von Editionen mir die Gelegenheit dazu gab. Sie gestattete mir dankenswerterweise, den Auftragstext auch auf weisskunst.de zu veröffentlichen. Es ist also nicht nur so, dass etwa das Werfen von Stöckchen stupide Wiederholungstat zweier Bordsteinkantenbieger ist, sondern viel mehr als das. Warum ich das erkennen konnte? Weil ich es mit meinem Hund anders erlebte und das Spiel eben bei anderen Hundebesitzern teilweise mit Neid beobachten durfte.

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Gemeiner Eigennutz

Der Mieterbund Regensburg entbindet Mitglieder nicht sofort aus dem Verein, sondern verlangt die Kündigung ein Vierteljahr vor Ablauf. Ist das nicht geschehen, zahlt man ein volles Jahr weiter. Das ist Abzocke und hat im gesamten Verband Methode. Die Verbraucherzentrale sagt zwar: normal. Moralisch finde ich jedoch hier ein Defizit vor. Als ich Dezember 2015 austreten wollte, verwies man mich auf die Satzung. Na klar. Man kennt die ja auswendig. Oder ist die Methode „Pech gehabt“ hier Programm? Stellungnahme von Kurt Schindler, Vorstand? Fehlanzeige. Man zahlt also Jahrzehnte und bekommt einen Tritt in den Allerwertesten. Weiter so, liebe Gemeine mit Eigennutz. Nachtrag: Ach ja, dass so ein Verein mal eben den Betrag von ca. 65 auf 83,40 erhöht, ist bezeichnend.

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Das Apartment als Medium

Zilla Leutenegger (Jahrgang 1968) malt in den Raum, installiert multimedial und verstört durch die Distanz, die sie mit ihrer Arbeit erzeugt – die zugleich distanzlos ist. Ein altes Thema greift sie auf: Ist nicht etwa alles vermittelt? Und ist nicht das Natürliche, Echte eine Fata Morgana? Welche Rolle spielt die Biografie für die Kunst? Diese und ähnliche Fragen stellt die Schweizerin in ihrer Ausstellung „Ring My Bell“ in der Pinakothek der Moderne, die ich Ende Juni besucht habe.
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