Von Frisören und Texten

Nur ein Frisör kann, was ein Frisör kann. Schon klar; natürlich sagt das nichts darüber aus, ob dieser Frisör unter allen Frisören zugleich einer der besten ist, den ich – ältlicher Herr, der ich bin – engagieren möchte, damit durch sein Werk mein kümmerlicher Rest fieseligen Haupthaars in Würde die drohende Fleischmütze verberge. Ein ausgebildeter Frisör kann jedoch eine Frisur so richtig versemmeln. Ich weiß, wovon ich rede, denn in meiner Familie haben etliche Menschen die Haarpracht der Anderen bestimmt. Meine Mutter, gelernte Frisörin, hat ihrer Schwiegermutter irgendwann in den Sixties ungewollt zu punkig-grünen Haaren verholfen. Tja, sie hatte die Rechnung ohne die Mutationskraft der Sonne gemacht. Die katalysierte nämlich den ungesteuerten Oxydationsprozess einer Dauerwellensubsstanz oder was immer es für eine Chemikalie war, die Omas Haupthaar avantgardistisch erleuchtete. Da hing dann mal der Haussegen bei so viel automatisch induzierter Innovation so richtig schief. Meine Großmutter konnte nämlich fürchterlich aggressiv sein. Dennoch war und blieb meine Mutter eine ausgebildete Frisörin, und sie konnte sowohl Haare schneiden als auch färben und Dauerwellen kreieren. Natürlich, ohne jeden Zweifel, denn sie hat den Beruf schließlich erlernt. Genauso wie ihre Geschwister, genauso wie ihr Vater. Ich bezeuge dies auf Ehre und Gewissen.

Ich hingegen bin aus der Art geschlagen. Neben, genauer nach meinem Studium habe ich allerdings gleichfalls einen Lehrberuf ergriffen, jedoch einen, der nicht von Kammern behütet wird, wie der des Coiffeurs. In der Redaktion einer westfälischen Regionalzeitung habe ich 24 Monate gelernt, wie Tag für Tag ein Printprodukt zustande kommt. Das war in der Zeit der wackeligen Knie, Teil 1, als 1998 das Internet damit begann, den größten aller damaligen Tennisspieler einzusaugen und eben nicht nur den, sondern den ersten Teil des Rests der Gesellschaft. Und ich lernte, Wörter zu einspaltigen Kleinigkeiten zu ondulieren. Was habe ich nicht gedrechselt und geschnitzt, vor allem aber geschwitzt, als der Redaktionsleiter auf dem Kaff in der Außenredaktion mich eine Meldung an meinem allerersten Ausbildungstag mindestens fünfmal schreiben ließ, bis er zufrieden war und mein Wille als arroganter Feuilletonist gebrochen. Dass ich das schreiben musste, obschon ich bereits seit Jahren Kunstkritiken verkaufte – sogar an die taz! Tja, Redaktion vor Ort ist eben etwas anderes. Und gut heißt nicht gut genug. Damals war Print First die Strategie der Wahl. Und wie gesagt: In der Redaktion bekam man die Angst vorm Netz greifbar zu spüren. Was heute absurd anmutet, denn gedruckte Medien haben sich, dem Himmel und den Profischreiber*innen und -redakteur*innen sei Dank, immer noch um ihr Ableben herumlaviert. Gut so, liebe Ex-Kolleg*innen. Dank auch Mr McLuhan, der hellsichtig genug war und die Ablösungs- und nicht die Auflösungsprozesse von alternden Medien berühmt machte. Die Natur ahmt die Kunst, in diesem Fall die Medientheorie nach.

Allerdings manifestierte sich bereits zu dieser Zeit eine anhaltende Misere, deren frühe Ausdrucksformen damals anhand einiger Symptome erahnen ließen, an welchem Ort sich die Angst ein echtes Zuhause baute. Und diese Angst lebt bis heute, etwa auch in mir. Konkret? Der Verlust des Gatekeepers un Gatekeepings. Warum? Ich werfe ein paar Indizien in den Ring: Mir stellt sich etwa lange schon die Frage, warum sich die Mitmenschen der Illusion hingaben und hingeben, dass Werbeblättchen in den Briefkästen, einmal wöchentlich auf Zeitungspapier gedruckt und kostenlos verteilt, journalistische Produkte seien. Mir stellt sich bis heute gleichermaßen die Frage, warum auftraggeberabhängige PR, was nun auch nur eine Zweigstelle der Werbeabteilung ist, nicht als solche aus dem Kanon journalistischen Treibens gekegelt wurde oder wird, weil sie nämlich auftraggeberabhänig ist und niemals freier Journalismus sein kann. Und deswegen, hier ein weiteres Symptömchen, wundert es mich auch in keiner Weise, dass nun ein Teil der Großmäuler in der 280-Zeichen-Trollfabrik namens Twitter, und nicht nur da, ihre ungehaltenen Spuckefäden auf die Printjournaille absondern. Und mit derart pubertierendem Meinungsgedresche behaupten, den Journalismus neu erfunden zu haben. Dass ich nicht lache!

Die selbsternannten, scheinbar sittenwachenden Frisöre mit ihrer ureigenen Unkultur des verbalen Pflastersteinschmeißens schneiden dabei un- und versehentlich allen Leser*innen in die Ohrläppchen und Nasenflügel. Sie ramponieren ihre Scheren und kleckern mit den Farben, auf dass alles befleckt werde, was nicht bei drei von ihrem Wächterradar verschwindet. Ihr Wasserstoffperoxid bleicht die ehemals wunderbare Haarpracht der Sprache, bis sie verätzt und alles andere vergrätzt hat. Am Ende verharrt man dann in einer Konfliktstasis, gelähmt und ohne wirklichen Sinn, weil der Konflikt, der da heraufbeschworen wurde, eigentlich keiner ist. Er ist unregulierte Triebabfuhr ohne eigentlichen Diskursraum. Daher ist Twitter kein Journalismus, wie er in den Tageszeitungen gelebt und gepflegt wurde und wird, und diese Form des Schreibens wird auch niemals einer werden. Das wäre dann ein mediales Paradoxon, und dass es solche gibt, kann nur Kunst behaupten, aber diese Schreiber schreiben keine solche. Das ist nicht anders als bei Äppeln und Birnen. Nur tun die erst einmal sich und anderen nichts.

Und die selbsternannten Twitterwächter der Pressefreiheit hingegen wissen offensichtlich nicht, was sie an den Zeitungen haben. Weil sie diese in ihrer Arbeit nicht verstehen oder bewusst missverstehen. Sie erwarten in den – heute heißen sie ja so – Medienhäusern offenbar den unfehlbaren Weltgeist, der ihnen sagt, wie sie denken sollen. Und das wiederum kollidiert mit ihrem pubertären Trieb, sich gegen diese scheinbaren Regeln aufzulehnen und dagegen zu halten, was mit 280 Zeichen nicht zu halten ist. Aber weil sie scheinbar viele in ihren Blasen sind und ein ziemlich bescheuerter US-Präsident global vorgemacht hat, wie Politik mit dieser unsozialen Plattform zu manipulieren ist, nehmen sie sich für wichtiger als sie letzten Endes sind. Denn was ist das da, was da passiert? Aufklärungswille oder Nabelschau? Das unstillbare Sendungsbedürfnis einiger Twitteraner bricht sich Bahn in den wenigen Zeichen, für die es dann eben auch recht zügig Zuspruch gibt. Füttert ihren Ego. Der Verfasser dieser Zeilen weiß, wovon er spricht. Er hatte etwa zehn Jahre einen aktiven Facebook-Account, und Twitter verbannte er auch erst im vergangenen Jahr. Und ihm ist auch klar, dass diese Zeilen hier nun kein Journalismus sind, sondern eine oberflächlich recherchierte, vielleicht sogar komplett am Ziel vorbeischießende Freestyle-Meinung par excellence. Ich erhebe mit ihnen sowieso keinen Anspruch auf Letztgeltung. Und ich sage es ganz offen: Ich folge hier meinem Sedungsbewusstsein, weil mich die Anmaßungen der Leutchen in den Kanälen nervt. Und ich für meine Domain artig bezahle und gewisse Regeln einhalte, die in den Plattformen systemisch bedingt überschritten werden müssen. Ihre selbstgerechte triebgesteuerte Gnadenlosigkeit möchte ich gern einmal en face erleben: dann wenn man tatsächlich freie Räume der Erwiderung anbietet, etwa in Form von Leserbriefen, Gegendarstellungen oder Richtigstellungen etc. Gibt’s bei Twitter aber nicht, denn die Kommentarzeilen sumpfen schnell ins Unbedeutende ab. Die Timeline ist das Grab ewiger Gegenwärtigkeit, und wer meint, hinterherhecheln zu können, sollte vielleicht gleich einen selbstverordneten Infarkt in Betracht ziehen.

Jetzt mal pädagogisch: Das ist kein Diskursmedium, das einen aufgeklärten Menschen dazu ermutigt, mit der zweifelsohne zumindest beim Erstkontakt schwierigen Differenz zu leben, dass Leitmedien Autoren haben, die auch mal Mist schreiben. Und dass es Unterschiede zwischen dem privaten Verhalten eines Menschen und dem Spiel eines Pianisten gibt: sollte jedes halbwegs trainierte Hirn heute als Selbstverständlichkeit ansehen. Das aber reflektierte bislang etwa die Zeit-Redaktion in ihren beiden mir bekannten Beiträgen zur Debatte. QED: Ein Medium auf Papier trägt es vor. Das ist zwar nach einer Woche auch wieder reif für den Vogelbauerunterbelag, aber immerhin, die länger Halbwertszeit erlaubt zumindest der Theorie nach eine erwachsene Auseinandersetzung. Und dazu gehört eben auch ein gehöriges Quantum an Kontext.

Nun gut, ein Frisör kann am besten dann arbeiten, wenn er einen adäquaten Arbeitsplatz und geeignete Werkzeuge hat. Dann werden Haare in der Sonne nicht grün und die Scheren nur in überschaubarem Maße stumpf. Kundi*nnen sind zufrieden, und die Kasse stimmt hoffentlich auch. Jedes Handwerk hat eine Kammer, die beispielsweise Preise auslobt. Und wer da weiterkommt, der kann wirklich berühmt werden. Das gibt es übrigens bei Twitter nicht, aber das gibt es im Journalismus, etwa den legendären Egon-Erwin-Kisch-Preis. Ein Herr namens Relotius hat nun nicht gerade verdientermaßen ein paar dieser Auszeichnungen eingeheimst, ist ihnen jedoch verlustig gegangen – zurecht. Das wiederum führt uns zu dem Phänomen der Phänomene: Frisöre stehen für den Mist, den sie schneiden oder färben, gerade. Wenn es sich herumspricht, dass grottig gearbeitet wird, strafen die Kundinnen den Laden ab. Zeitungen müssen gelegentlich zu Kreuze kriechen. Die faulen Eier und Relotii und auch Moreni werden sonstwo hingeschickt, nur nicht mehr auf die Grand Tour zu den aufregenden Themen dieser Welt. Die SZ kriecht vor der Twitterwut nun allerdings bedauerlicherweise zu Kreuze. Das hat sie nicht nötig. Eine schlechte Kritik passiert jedem Kritiker einmal, und wer sich im Ton vergreift, der kann hier Abbitte leisten. Zumindest, wenn die Redaktion als Redaktion agiert, was in diesem Fall für mein Verständnis von außen betrachtet eher weniger der Fall war. Die Zeitung sollte das Selbstreflexive als Kern der Autorität nicht aufs Spiel setzen. Und was das Wichtigste überhaupt ist, sie sollte beharrlich in ihrer immanenten Funktionalität zeigen, dass es bei ihr rechtlich verbindliche, überindividuelle und institutionalisierte Formen der Selbstkritik gibt und diese zugleich auch gelebt werden. Man kann es auch einfacher ausdrücken: In der Redaktion sitzen Leute, die sich an Vorgehensweisen halten und das auch können. Das lässt sich übrigens niemals an einer Kritik aufhängen, ist diese doch eine Textsorte aus der Abteilung Freistil wie Glosse oder Kommentar, und klar, auch dort gibt es Regeln, aber man sollte eine Konzertkritik nicht mit Zeitung verwechseln. Bei Twitter kann man jedoch einfach weiter pinnen, was auf keine Kuhhaut geht. Das Blocken und Bannen: geschenkt. Ein Frisör kann sich in seinem Laden entfalten: mal gut mal schlecht. Ein Twitterer kann tun und schreiben, was er will. Das ist ein gigantischer Unterschied.

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