Lebendig und bedroht

Seit Monaten knirscht Sand im Kulturgetriebe der Stadt Karlsruhe. Man könnte meinen, es sei Jammern auf hohem Niveau, wenn sich der Protest gegen die geplanten, weit gestreuten Kürzungen erhebt, die im November dieses Jahres durch den Gemeinderat gehen. Baden-Württemberg ist ja neben Bayern in keiner Weise so desolat aufgestellt wie etwa Nordrhein-Westfalen, wo die Kommunen sich mit Nothaushalten und regierungspräsidialer Kontrolle herumplagen. Durch meine vielfältigen Beziehungen in die Stadt bin ich natürlich recht neugierig – als ehemaliger Nordrhein-Westfale ganz besonders, weil es mir stets bereichernd erschien, was da alles vonstattengeht. Also habe ich mir im Umfeld zweier Storys für den Informationsdienst KUNST und die KUNSTZEITUNG die Frage gestellt, wo der Puls der Stadt schlägt. Eine meiner ehemaligen Studierenden weiß das ganz genau, daher danke ich ihr hier mal für die wunderbaren Kontakte. Einer von ihnen ist "Die Anstoß", ein Verein der unkonventionell Räume erschließt, die traditionelle Kunstvereine nicht aufschließen können. Ich sprach mit Lisa Kuon, zusammen mit Norina Quinte Vorsitzende, über Kultur und Kürzungen, die Lebhaftigkeit und den Wert dieser Szene. Selbst wenn es noch keine unmittelbare Bedrohung gibt, ist der Stein ins Rollen gekommen. Schrumpft die Bereitschaft, Kultur als mentales Grundnahrungsmittel zumindest zu akzeptieren, steht zu befürchten, dass eindimensionale Denkweisen die Gesellschaft immer stärker radikalisieren. Die Leistungen vieler junger Menschen für Kunst und Co. ist in Karlsruhe beeindruckend. Wie schätzt daher eine Akteurin vor Ort die Situation ein?

Die offene Gesellschaft zum Abschuss freigegeben?

Es ist immer wieder eine Freude, aktiven Studierenden bei ihrer Arbeit helfen zu können. Yassin Safidine hat eine schöne Webseite zum Thema Überwachung mit Blick auf Ausstellungen des Karlsruher ZKM im Rahmen der Globale aufgesetzt (http://safidine.wix.com/global-control). In diesem Zusammenhang hat er mich mit seinen Fragen angeregt, mal wieder über ein Dauerbrenner-Thema nachzudenken: die globale Überwachung. Es gilt, so mein Fazit, weiter die Devise #resist! Wir müssen die Vorstellung von einer offenen Gesellschaft anstreben, gestalten und diese auch vor Feinden aus verschiedenen Lobbies schützen.

Sprachlos im Status quo

Textstelle [1]: Wer gibt den Ausgegrenzten auf der Flucht eine Stimme? Klaus-Michael Bogdal konstatiert in seiner 2011 erschienenen literaturwissenschaftlichen Studie über die "Erfindung" der Zigeuner, dass eine gewisse Form von Historizität und Bedeutung erst mit einer eigenen Sprache zugestanden wird. Das jedoch haben die flüchtenden Menschen in Not heute nicht, da sie aus ganz unterschiedlichen Staaten stammen und nicht mit "einer Stimme" reden. Damit wird diese Sprachlosigkeit auch zur Waffe für diejenigen, welche versuchen, jene Menschen durch nautische Metaphern zu dehumanisieren.

Zehn Thesen zur bildenden Kunst

Denken wir uns eine Gesellschaft, in der die Erzeugnisse unseres Ausdrucksstrebens aus Geschichte und Gegenwart nichts mehr gelten. Wie ließe sich argumentieren? Der nachfolgende Text dokumentiert das Scheitern. Es ist der Versuch, produktiv mit dem Feuer zu spielen. Liest man ihn richtig, beschreibt er den zwangsweise eintretenden Teufelskreis, denn er ist als Erzeugnis selbst schon wieder Inschrift und Zeuge der Kultur, die er zu widerlegen trachtet. Für den Autor war es im Wechselspiel mit Bernhard H. F. Taureck eine Präzisierung des tiefen Bekenntnisses zu Geschichte und Gegenwart einer gewachsenen und stets wuchernden Kultur, die sich konfrontiert sieht mit Angriffen aus der Mitte, aber gerüstet sein wird, weil sie stets und immer stattfindet. Unser Zusammenleben ist ohne Geschichten und Bilder nicht denkbar, mögen selbst ernannte Gotteskrieger oder muskelbepackte Zweifler schreiben was sie wollen.

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