Sprachtagebuch 25. September 2018

Das Tun und das Kriegen

Nein, ich beginne keinesfalls mit den offensichtlichen Marotten, etwa der Bindestrichitis. «Bundestags-Quoten» schmerzen anstelle von Bundestagsquoten zwar heftig, und die Autor*innen, die diesen Stil pflegen, scheinen die Kraft und das Vermögen der wechselwirkenden Gehirnareale mit dem Wahrnehmungsorgan Auge durchschnittlicher Leser*innen zu unterschätzen, was offen gestanden schlimm genug ist und mit Leichter Sprache nichts zu tun hat. Diesem Problem widme ich mich ein anderes Mal. Heute sehe ich einen Satz auf S. 10 meiner Lieblingswochenzeitung Die Zeit, Nr. 39, vom 20. September 2018, der eine unheilige Einheit zweier Sprachmonstren zum Misstönen bringt. Tina Hildebrandt schreibt über die Schieflage im aktuellen Proporz der Geschlechter in der Volksvertretung, unserem Bundestag. Zweifelsfrei, der Text ist gelungen. Dennoch steht dort:

«Sie [die Männer] reden inzwischen bei allem mit, was den Nachwuchs angeht, und schreiben Bücher darüber – nur kriegen tun sie die Kinder leider immer noch nicht.»

Jetzt können wir selbstredend meinen, dass solch ein Satz halb so schlimm sei. Er ist verständlich. Und sicher ist sein Wahrheitsgehalt unbestritten. Den Gedankenstrich vor dem letzten Satzglied interpretieren wir als überlegte rhetorische Geste. Das Auge holt Atem, denn jetzt kommt es wirklich dicke: «kriegen tun sie nicht». Das ist ein schlecht formulierter Catch 22, ein semantischer Ereignishorizont, hinter dem jegliche Bedeutung verschwindet. Sie fragen sicher, warum oder aus welcher Sichtweise. Zurecht, denn wir sind es gewohnt, in unserer Alltagssprache mit einigen Vokabeln wenig sensibel hinsichtlich der Bedeutung umzugehen. «Kriegen» ist eine davon. Krieg entwickelte sich aus dem mittelhochdeutschen Wort kriec, das neben anderen Bedeutungen Anstrengung, aber auch Zwietracht oder bewaffnete Auseinandersetzung meinte. Bei unserem abgeleiteten Verb ist der Fächer der Bedeutungen ähnlich groß. Es ist eine historische Nähe zum bewaffneten, kollektiven Töten. Vielleicht sollten sich Autor*innen darüber Gedanken machen, wenn sie das Gebären als Prozess verbalisieren. Denn leider gilt: Wenn man den Sprachgebrauch nicht ummodeln möchte, «kriegt» man heute so ziemlich alles. Ich frage mich, ob wir nicht mit den Verben bekommen oder erhalten viel deutlicher ausdrücken können, was wir auszusagen beabsichtigen. Dem Philosophen Bernhard H. F. Taureck danke ich übrigens an dieser Stelle für die bis heute andauernde sprachliche Grundausbildung sowie die Grundsteinlegung meiner Sprachsensibilität jenseits der Schul- und Hochschulbildung. Er erklärte mir vor über zehn Jahren hieb- und stichfest, was es mit dem Kriegen in der Gegenwartssprache auf sich hat. Damals benutzte es beinahe jeder. Heute üben viele Medien – zumindest gefühlt – Verzicht. Wenn es um etwas Bellizistisches geht, etwa einen Backenstreich, spricht nichts dagegen diesen zu kriegen. Das ist in solch einem Fall trefflich formuliert. Geschenkt bekommen will ich die nämlich nicht.

Zurück zu unserem Satz «nur kriegen tun». Wenn ich als Ruhrgebietskind sagte: «Ich tu Fahrrad fahren (gehn)», dann antwortete mir mein Vater: «Tieten, taten, tuten sind verbuten.» Recht hatte er. Denn solange wir über aussagekräftige Alternativen verfügen, sollten wir diese zum Einsatz bringen. Also hier die Probe aufs Exempel – hoffentlich vollkommen ohne Bedeutungsabweichung:

«Sie [die Männer] reden inzwischen bei allem mit, was den Nachwuchs angeht, und schreiben Bücher darüber – nur bekommen sie die Kinder leider immer noch nicht.»

Bemerken Sie, was hier passiert ist? Wir entmilitarisieren die Sprache – Kinder zu bekommen, mag gewaltigen Anstrengungen verbunden sein, ein Krieg ist es nicht, denn hier wird geboren, und das heißt Leben schenken, nicht nehmen – und schaffen es, das prollige "tun" zu vermeiden. Wir vaporisieren diese beiden Schwarzen Sprachlöcher mit der Eleganz der einen, bedeutungsvollen und wohlklingenden Vokabel. Lautmalerisch zieht das O weit weniger nach unten als das U in tun. Vielleicht ist es nur ein subjektiver Eindruck. kr und u klingen nach Säbelrasseln und Panzerketten. Dem K und dem O in bekommen ist derlei fremd. Das bringt mich zur Schlussfolgerung: Gelegentlich ist das Nachdenken über die Sprache sowie das Schreiben fruchtbar und recht einfach – gleichsam vereinfachend.