Zehn Thesen zur bildenden Kunst

Des Teufels Spiel beginnt...

«Und, mein Begleiter hätte nun Gelegenheit gehabt, das angeblich im Gespräch Gesagte zu widerrufen. Mein Begleiter hätte jetzt sagen können, er habe mit den Verhältnissen in seiner Rede die mich umgebenden äußeren Verhältnisse gemeint. Damit wäre ich im Gespräch mit meinem Begleiter gefangen gewesen; und unser Gespräch wäre in der traurigen Behauptung eines bedauerlichen Mißverständnisses versunken, das ja bekanntlich in jedem Gespräch sehr viel genaueren Aufschluß über das Besprochene gibt, als Verständigung über angebliches Verstehen. In der Einigung auf ein Mißverständnis wird stilles Benennen oder das Erwecken oder das Behaupten von Interessen im Gespräch möglich. Im Gespräch mit meinem Begleiter schien mir, daß das Angebot eines Mißverständnisses viel zu mühelos anzunehmen möglich gewesen war.»
Gert Neumann, Anschlag, S. 76

«Kunst geschieht als Selbstversuch, Markt und Überwachung geschehen als Auto-Piloten. Kunst hat, wie Logos und Geschichte, kein Gegenteil.»
Bernhard H. F. Taureck

«Wir neigen weniger zur Imitatio Christi als vielmehr dazu, Madonnas Schmink- und Kleidungsstil nachzuahmen; niemand liest heute die Leben der Heiligen zur Erbauung und als Beispiel, sie Biographien von Filmstars jedoch und die Erfolgsstories von Unternehmer-Millionären sind immerwährende Bestseller.»
Richard Shusterman

«So wie die Thanatologie an die Geheimnisse des bewussten Lebens rührt, so eröffnet der Zynismus einen Zugang zu den moralischen Schatzzentren der Zivilisation.»
Peter Sloterdijk

Dieser Text, dem eine Abendveranstaltung des philosophisch-politischen Arbeitskreises Res Publica Politica vorausging, war als ein freies Gedankenspiel gedacht. Er sollte die Vorstellung von einem Szenario vermitteln, das scheinbar generelle Gewissheiten und unverrückbare Auffassungen über kulturelles Schaffen und dessen Akzeptanz als prinzipiell notwendiger Bestandteil unseres Gemeinwesens auf einer grundsätzlichen Ebene hinterfragt oder sogleich voraussetzungslos infragestellt. Ein – aus der Rückschau – gefährliches Spiel mit dem Feuer, das einige gegenwärtige Faktoren außer Acht gelassen hat. Die Lage ist nämlich gemäß der jetzigen Erkenntnis nicht mehr derart komfortabel, dass sie das freie Spiel über alle Gewissheiten hinweg zuließe. Zwei jüngere Ereignisse sind symptomatisch: die Publikation eines Textes zum Kulturgutschutzgesetzentwurf von Jörg Scheller, HfG Karlsruhe, sowie das Symposium und das Interview der «FAZ»mit Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart.[1] Es drücken sich hier nicht etwa Möglichkeitsräume aus, in denen Szenarien im Sinne eines «Was-wäre-wenn» durchdacht wurden, sondern basierend auf einerseits falsch verstandener Ästhetik und andererseits verkannter Bildungssituation schlagen die Texte anscheinend beispielhaft fürs Denken derzeit vorbereitende Schneisen in die Akzeptanz einer grundsätzlichen kulturellen Notwendigkeit. Dahinter steht natürlich nicht eine inhaltlich begründbare Not, sondern zumindest im Fall der Stuttgarter Direktorin eine Vorstellung von Kultur als einer – verkürzt gesprochen – merkantil ausbeutbarer Ressource. Darüber hinaus ist das ganz trendy, denn es bedarf keiner großen Weisheit, um die Ökonomisierung sämtlicher kultureller Bereiche seitens großer Player im Kulturbetrieb auf den ersten Blick zu erkennen. Stichwort: Guggenheim-Prinzip. Ferner wird aus dem inneren Kreis gelehrter Wissensproduktion systemtheoretisch jener Betrachtung der Kulturproduktion und ihrer Produzenten aus der Perspektive des Geldes und finanzieller Wertemaßstäbe quasi essentialistisch eine historisch induzierte und implementierte Daseinsqualität mit Eleganz und größter Kenntnis – und zu Teilen vollkommen zurecht – zugeschrieben, die jene Verwirtschaftlichung der Kunst als geradezu naturgesetzlich zu behaupten scheint.[2] Am Rande werden derartige Phänomene in den nachfolgenden Thesen wieder auftauchen und reflektiert. Jedoch ist es tatsächlich mehr als bedenklich, wenn kulturelles Schaffen und historische Identität vom allgemeinen, gegenwärtigen Diskurs abgelöst und zum Abschuss freigegeben werden. Daher frage ich mich, ob ein derartiges Gedankenspiel, wie es sich im Folgenden ausbreitet, nicht geradezu eine weitere Munitionierung für Bestandszerstörer ist. Es ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen, dass sich politische und ökonomische Entscheidungsträger heute nicht selbstverständlich über die Notwendigkeit der Förderung kulturellen Schaffens einig sind. Diese Generation, für die kulturelle Bildung Nährmittel und Selbstverständlichkeiten waren, ist längst im Pensionsalter. Das mag man bedauern oder ignorieren, es ist in jedem Fall eine Tatsache. Dennoch ist das Spiel gespielt.

Welchen Vorteil sollte es uns also eintragen, die Sicht auf die Dinge derart radikal zu verschieben? Wenn ich meine, dass es keine Kunst gebe, wie kann ich dann leugnen, dass es etwa diese grandiosen Werke von Tizian, Rembrandt, Fragonard, Monet oder wen immer man aufzählen möchte, gibt? Ich werde in keiner Weise leugnen, dass es sie gibt. Ich werde die Fragen und Antworten lediglich aus einer anderen, übergeordneten Perspektive stellen und geben wollen. Droht aber dann nicht die Gefahr, dass ich mich quasi von den Objekten zu weit entferne? Dass meine Gedanken, Wendungen und Vorstellungen eigentlich gar nichts mehr mit den Menschen, die diese Objekte produziert haben, und denen, die sie kaufen, und ihnen selbst zu tun haben? Denn diese Bedrohung meines Denkens ist durchaus gegeben. Stellen Sie sich vor, dass meine Vorstellung in gewisser Weise davon ausgeht, dass die Perspektivität bestimmt wird von einem das Denken bedingenden Rahmen, der ohne den Kapitalismus gedacht wird. Dann nämlich wird das Gefährliche offenbar. In einem System, das anders als der Kapitalismus ist, verschwindet die Vorstellung von Kunst als einer Ware, weil es keinen Markt und kein Geld gibt, weil es keine Anlageformen und keine Volatilität gibt, weil Wirtschaften vielleicht als solches nicht wahrnehmbar ist oder geworden ist. In einer derartigen Gesellschaft, die sich allerdings erst als solche definieren oder erfinden muss, ist man zwangsweise notwendig blind für Meisterwerke, denn es gibt keine Meister mehr, denn die Meister gibt es ja nur, weil sie qua Ruhm, dessen Währungen Erfolg und Geld sind, und Ruhm existiert nur als Medium des Austauschs und als psychologische Funktion für komparatistische Wettbewerbsspiele. Diese muss es ja nicht zwangsläufig in einer Gesellschaft geben, die wiederum nicht kapitalistisch geprägt ist.

Zehn Thesen

1. Es gab niemals Kunst, es gibt keine Kunst, es wird niemals Kunst geben.

Diese These thront geradezu über allem, was ich im Folgenden behaupte und argumentiere. Sie wird sicher die meisten schockieren, glauben wir doch alle an die Kultur, deren kleinere Teilmenge die bildende Kunst ist, ohne genau belegen zu können, warum kulturelles Schaffen wichtig oder von Relevanz ist. Es wird schlicht als anthropologische Konstante installiert und daraufhin heute mit einer intrinsischen Notwendigkeit legitimiert, die sich infrage stellen lässt. Und an dieser Stelle setze ich an. Die Bedeutung kultureller Produktion für unser Dasein wird gemeinhin unhinterfragt als Gut bewertet, was den Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheiden soll. Dabei ist unser Horizont von einer gewissen Flughöhe aus so begrenzt wie der eines Eichhörnchens: Warum sollte ich das Ausdrucksgebahren des Menschen höher werten als das des Nagers? Institutionell sind der Schutz der Kultur und ihre Förderung nicht nur international legitimiert, etwa über Konventionen der Vereinten Nationen, über die Einrichtung so genannter Weltkulturerbestätten, sie sind überdies national sanktionierbar in die Gesetzgebung eingeschrieben, selbst wenn Kultur keine primäre hoheitliche Aufgabe darstellt. Institutionen wie das deutsche Kulturgutschutzgesetz stehen pars pro toto für eine pro-kulturelle, gesellschaftliche Grundhaltung. Aber Kultur ist eigentlich mehr als Kunst, als alle Künste. Verstanden als bildende Kunst, und nur von dieser vermag ich zu schreiben, ist diese Chimäre schon bei der Geburt gestorben. Das anthropologische Argument verdankt sich also der Hybris des Homo Sapiens und seiner unzähligen blinden Flecken, sich nichts Anderes als die Horizontalität oder die Flachheit seiner selbst zu imaginieren – auf einem Plateau der Überheblichkeit über allen anderen Geschöpfen auf diesem Planeten.

Wie aber, wenn…

1.1. – Kunst da ist, sobald der Mensch da ist?

Das lässt sich natürlich mit Fug' und Recht behaupten. Denn: Wir bleiben in unserem Paradigma. Wir können sagen, dass selbst Höhlenmalerei als Malerei mehr ist, als ein bloßes Verständigungsmedium zwischen Menschen und imaginierten Wesenheiten. Wir können das gewisse «Ästhetische» ausmachen, es beschreiben, und bemerken vielleicht dabei gar nicht, dass wir auf der Basis unserer historisch gewachsenen Urteile jene Artefakte einschätzen. Ein Sachverhalt, dem sich übrigens die Forschung durchaus klar ist. Wir exkludieren damit jedoch gleichermaßen die Möglichkeit von bildender Kreativität der anderen Spezies auf diesem Planeten, da gar kein Raum mehr dafür zur Verfügung steht.

1.2. – nicht nur von Kunst, sondern von Musik, von Dichtung, von Kunstwollen, Kunstwerk, Kunsttheorie die Rede ist?

Sicher, die Wissenschaften um die bildende Kunst sowie die Protagonisten in Theorie und Praxis haben seit dem 19. Jahrhundert einen Sprachgebrauch geschaffen, der Malerei, Zeichnung Bildhauerei und gegebenenfalls Architektur gleichsetzt mit Kunst. Eine sprachliche Konvention, die im Übrigen keineswegs auf alle Länder zutrifft. Allerdings spielt es in unserem Zusammenhang keine oder nur eine nebengeordnete Rolle, ob es sich um Hörbares, Sichtbares, ob es um Theater, Performance oder welche Form des menschlichen Ausdruckswillens überhaupt gibt. Das Leben auf diesem Planeten stets aus der Sicht des Menschen zu deuten, das ist das generelle Problem.

2. Kunst ist ein Phantom, das in der frühen Neuzeit antrat, die Religion peu à peu zu ersetzen.

Kollektivspychologisch installierte der Mensch von jeher transzendente Wesenheiten, die ihm die gute Gelegenheit boten, aus Denkfaulheit, Machtwillen oder welchen Motiven auch immer, scheinbares Fehlverhalten zu sanktionieren – im Namen der Götter. Dabei gingen Millionen von Lebewesen über die Klingen der jeweilig herrschenden Arroganzen. Es gibt nur wenige Ausnahmen, die quasi eine säkulare Form des Glaubens praktizieren, die nicht beabsichtigen, zu missionieren. Irgendwann jedoch kam zumindest über die eurozentristischen Gemeinden das Übel des Denkens. Gottesbeweise hatten ja immer schon Tradition, da der Zweifel und der Verstand nun mal die größten Feinde des Glaubens sind. Wir Menschen lieben es, gelegentlich mit dem Feuer zu spielen. Und beide gibt es sicher schon seit dem Erwachen eines menschlichen Bewusstseins. Im Grunde ist es ja ohnehin eine verschraubte Geschichte, etwa mit dem Sündenfall, aber das steht auf einem anderen Papier. Jedenfalls haben die Aufklärung und viele nachdenkliche Geistesarbeiter danach Gott in eine Art Rückzugsfahrt mit ungewissem Ausgang gedrängt. Die Dogmen binden seit der Säkularisierung niemanden mehr, und heute gehen Menschen lieber ins Kino und feiern Stars, bewandern Museen und Kulturstätten, staunen dort und vermuten das Genie an allen Orten, an denen die Künste sich verbreiten. Es wird Klaviervirtuosen wie Lang Lang oder Olga Scheps eine spezifische Eigenschaft zugeschrieben, die ich weiter unten noch näher beschreiben möchte. Benjamin sprach über die Aura des handgemachten Werks, aber sind es nicht wir, die in Form institutionalisierter Projektion eines Begehrens nach Außerordentlichem, nach dem finalen Urlaub von unserer alltäglichen Deprimation angesichts unserer beschämenden Unvollkommenheit, diese Menschen erst zu Göttern machten und machen? Das gilt übrigens für jedes Target devotionalisierenden Ehrerbietens: von Picasso [«Femme au Violon», 1911, Pinakothek der Moderne, München] über Dieter Bohlen bis Lionel Messi. Wir reden von Starkult, was allein schon Indiz für die Quasi-Religiosität unserer Gegenwart ist. Und wer nicht dem Sektierertum irgendwelcher Esoteriker anheimfällt, beschäftigt sich eben mit angeblich auratischer Kunst, um dem durchaus humanen Bedürfnis nach Transzendenz Rechnung zu tragen. Wir sind eben sämtlichst unvollkommen und bleiben es hoffentlich auch noch eine geraume Weile.

Wie aber, wenn…

2.1. – Kunst in der griechischen Antike so stark war, dass Platon in der Politeia sie durch eine philosophische Theologie reglementieren wollte?

Ist es wirklich die Kunst, die derart stark war, dass ihr Wirken von einer Theo-Philosophie aufgehoben werden musste? Woher rührte Platons Unwille? War es nicht sein Reinheitsgebot, das meinte, jedes Vermittelte sei unwahr? Und ist es nicht vielmehr allgemein dieses menschliche Empfinden des Ungenügens an seiner selbst, was die Vorstellung hervorruft, etwas wäre über dem, was der Alltag produziere? Platon hat sicherlich nicht nur gegen die Kunst eine philosophische Theologie in Anschlag gebracht. Hätte er die Star-Rhetoren seiner Zeit etwa als gefährlich auf vergleichbarer Flughöhe wie wir heute Popstars denken können, wäre die Kunst sicherlich in ihrer Rolle innerhalb der platonischen Philosophie zu relativieren.

2.2 – die Religion die Kunst benötigt wie der Katholizismus die Kunst im Renaissance-Italien?

Mit der Kunst besitzt die Macht spätestens seit der frühen Neuzeit einen willfährigen Partner, um mit den Tricks der Rhetorik – einer Rhetorik gleich welcher Art und Weise – die je spezifischen Interessen zu stärken. Baudrillard meinte schon in den 1980er Jahren, dass «hinter dem Barock der Bilder die graue Eminenz der Politik» wirke. Warum sollte das 100 Jahre plus minus früher anders gewesen sein? Man denke an die Machtkonstellationen in oberitalienischen Städten und an die großen Familien in den Stadtstaaten, wie sie schon in der Renaissance auf alle Lebensbereiche einwirkten und man aufgrund der genealogischen Fallstricke keine sinnfällige Differenz zwischen kirchlicher und weltlicher Macht ziehen mag. Bereits in der Renaissance deutet sich weiters an, dass das, was wir heute Kunst nennen, über die Etablierung von Institutionen wie dem Markt oder dem Genie stattfindet, sich unauslöschlich einschreibt und das grundsätzliche Modell ausprägt, was wir heute unter Kunst verstehen. Betrachten wir nur ein wenig später die Kunst der Gegenreformation, sehen wir klar die Zweiseitigkeit der Medaille Kunst. Sie bewirkt eine affirmierende Bestärkung all der Thesen des Glaubens, ist jedoch als Zeugnis einer Bildrhetorik im Inneren als System der Innovation zu beschreiben. Zugeschrieben wird ihr jedoch die Wertung eines Höheren, Besseren, Mehrwertigen. Die Frage ist, ob so etwas einer «harten» theoretischen Anforderung an ein Modell der Ethik genügen kann.

3. Kunst ist jene Ware, die das Funktionieren des alt werdenden Kapitalismus augenfällig werden lässt.

Als Damen Hirst am Tag der Lehman-Katastrophe und dem darauffolgenden kapitalen Crash des Finanzmarkts im Jahr 2008 den unglaublich frechen, aber merkantil extrem erfolgreichen sowie nachvollziehbaren Streich verübte, einen Großteil seiner Werke unter Umgehung von Sammlern, Galeristen, Kunsthändlern etc. in eine Auktion zu geben, überschlug sich die Kritik vor anerkennender Begeisterung. Finanziell war das Unterfangen extrem erfolgreich. An der Oberfläche zumindest. Es hat seine ohnehin schon fatal überteuerten, Ding gewordenen Nippes-Mickerigkeiten [«Beautiful, intense, violently gorgeous, painful, invading, love painting», Spin Painting, 1996, «The physical impossibility of death in the mind of someone living», 1991, Serie Natural History, Tierkadaver, Glas, Stahl, 5-prozentige Formaldehyd-Lösung] in höhere Preisgefilde geschoben und ihm selbst den Ruf mitgegeben, ein genialer Künstler zu sein. Doch so wenig 9/11 «das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos» war, wie Karlheinz Stockhausen leicht undeutlich damals zum Besten gab (ein Jahr später replizierte Hirst Ähnliches), so wenig ist der Coup des gerissenen Briten ein Konzeptkunstwerk – was gewisse Kritiker, die eigentlich besser als halb informierte Marktberichterstatter zu bezeichnen sind, hypertroph schnappatmend vor Überschwang meinten. Womit sie naturgemäß lediglich parasitär ihren intellektuellen Anteil am Kuchen dieser kapitalistischen Kapitulation sichern wollten. Diese Chuzpe, die nicht als Verbrechen deklariert werden kann, ist ein Affront gegen alle Beteiligten gewesen. Doch ist sie nur ein weiteres Zeichen für die postfeudalistische Verfassung des (Kunst-)Marktes. In Überspitzung wird klar, was Banker Tag für Tag praktizieren: die Suche nach so genannten neuen Produkten mit höchster Volatilität, die bald ohnehin nur noch Rechenmaschinen werden bändigen bzw. verarbeiten können: zum Nutzen der Banker versteht sich. Genauso wie eben nicht das reflektierende Publikum oder Museen von dem Turn Hirsts profitiert haben, sondern lediglich die Society-Berichterstatter, die es auch im so genannten Kunstsystem gibt. Denn museale Lernobjekte mit hohem ästhetischen Nährwert sind Hirsts Arbeiten meist nicht. Sie sind vielmehr superflache Ware, die nur aufgrund von Marktstrukturen im Kunstmarkt und deren aktiver Beeinflussung etwa durch den Finanzmanager von Damien Hirst, Frank Dunphy, den korrupten Galeristen wie Jay Jopling (White Cube, Stammhaus London) oder Larry Gagosian (Gagosian Gallery, Stammhaus New York), ein Interesse bei neureichen Dummköpfen fürs Kapitalverbrennen weckt oder qua lernunwilligen Berufsverehrern aus dem Boulevardsektor an die Öffentlichkeit kommt. Es ist Kunstmarktkunst, und die hat mit Kunst recht wenig zu tun.

Wie aber, wenn…

3.1. – Kunst als Ware behandelt wird, ohne eine zu sein?

Das ist nun genau der Stand der Dinge. Gegenwärtig hagelt es seitens des Kunsthandels völlig zu Unrecht und in absolut uninformierter wie unangemessener Weise Kritik an der Kulturstaatsministerin Grütters und das von ihr auf den Weg gebrachte neue Kulturgutschutzgesetz. Einer der prominentesten (west)deutschen Galeristen, der maßgeblich den damaligen «Kölner Kunstmarkt» insinnuierte und ihn auf den Weg brachte – heute heißt diese weltberühmte erste Kunstmesse überhaupt Art Cologne – und dessen Verdienste unumstritten sind, versucht per munter tautologischem Schließen den Nachweis zu erbringen, dass die Kunst nicht sei, wenn die Galeristen nicht sind. Das wiederum ist doch ein Symptom dafür, dass es nur einer merkantilen Institution bedarf, damit Kunst ist. Und umgekehrt: Nimmt man sie fort, ist die Kunst ebenfalls futsch. Womit Kunst abermals nicht als eine anthropologische Konstante denkbar ist. Kunst ist und bleibt eine Vokabel im Zuschreibungsgeschäft romantisierender Idealisten und geschäftssinnger Kaufleute. C'est tout.

3.2. – man den Preis von allem weiß, aber seinen Wert nicht kennt?

Da Wertediskurse heutzutage und in großen Teilen zumindest während der europäischen Geschichte mit Sicherheit keine erratischen Blöcke außerhalb der «Zehn Gebote» zu erzeugen verstanden, frage ich mich, wie etwa diese auf einen sich immer stärker verschwindenden Konsens der Notwendigkeit und Unhinterfragbarkeit von Kultur und Kunsterzeugnissen essentialistisch werthaft argumentieren ließe. Wertlos im Auge der einen Betrachter, monetär höchst renditeträchtig im Auge der anderen Gruppe: Wohin man schaut, der Zuschreibung entkommt man nicht. Und die Zuschreibungen wechseln mit jeder Legislaturperiode. Und zwar in stets abnehmendem Maße. Die Menschen leben trotzdem. Studierende generieren sich weiterhin aus den Vermehrungszyklen und Zuwandereien. Und heute nennen wir es Kreativwirtschaft. Womit etwa eine Paarung seitens der Kommunen und Bundesländer in öffentliches Handeln implementiert wurde, die den Status einer als ideal zu denkenden Kunst in unauflösbare und damit tödliche Abhängigkeit brachte. Sprich: Wenn Kunst freie Kunst ist, kann sie nicht kreativwirtschaftlich gebunden werden. Da das jedoch überall neben dem Kunstmarkt auch so funktioniert, ist es mit der Kunst vorbei.

4. Kunst ist ein Medium der produktiven, domestizierenden Integration widerständiger Kräfte zum Zweck Systemstabilisierung. Das betrifft Produzenten wie Rezipienten.

Zum einen ist vorauszuschicken, dass sich der Kunstmarkt alle holt, denen Bedeutsamkeit eingeräumt wird. Heißt: Selbst, wenn sich Künstler gegen ihre Vermarktung sträuben, wird es ihnen nichts nutzen. Ephemere und wenig sinnliche Kunst und damit schlecht verkäufliche Arbeiten, die den klassischen Werkbegriff auf die Spitze treiben, Performances oder Konzeptkunst etwa, gehören mittlerweile zum großen Zirkus und machen Kasse. Da schaue jemand nur einmal auf Marina Abramović. Heute wird sie vom MoMA umgarnt, und keine Rede über Performance mehr, ohne dass ihr Name fällt. Und wer verkauft die Werke von Joseph Kosuth, dem Klassiker aller Konzeptkünstler? Eine Menge ganz Großer und fast ganz Großer: Hans Mayer, Castelli, Sprüth Magers, van der Koelen, Anselm Dreher. Damit scheint der Markt die Revolution ex post zu inkorporieren. Der Künstler fungiert zum anderen auch auf der Seite der inhaltlichen Produktion als so etwas wie ein Sedativum für uns Rezipienten. Wer Kunst schaut, kann eben keine Steine werfen. Und Rebellionen im Kopf stürzen keine Regierungen. Es wäre unfair, Kunst und Künstlern diese feststehende Tatsache vorzuwerfen, denn darin liegt – wenn der Teufel in diesen Zeilen einmal schweigt – tatsächlich ihre wichtigste Funktion. Doch drehen wir es wieder ins Negative: Wer heute als gut situierter Bürger mit regelmäßigem Einkommen und Töchtern wie Söhnen auf weiterführenden Schulen oder im Studium sich engagiert, tut es meistens über Spenden. Es wird das Unrecht in der Welt beklagt, und gelegentlich unterstützt man den Eine-Welt-Laden oder bringt überflüssige Waren zur örtlichen Tafel. Dann hat man schon eine Menge in der Gesellschaft bewegt. Mit Blick auf das private Engagement gibt es auch noch das Ehrenamt. In Sport- oder Kunstvereinen unternimmt man etwas für das Wohl der Mitglieder und vielleicht sogar für Menschen darüber hinaus. Diese Form des Mitmachens ist in Bayern beispielsweise derart etabliert, dass der ehemalige Bürgermeister meiner Gemeinde sich hinstellte und behauptete, es bedürfe nicht eines Sozialpädagogen für die ortsansässigen Jugendlichen, da ja schon genügend Erwachsene in den Vereinen ehrenamtlich die Funktion jener Profis übernähmen. Neuerdings diskutiert man hier einen Pass für ehrenamtliches Engagement, mit dem der Inhaber dann Vergünstigungen bekommt. Das ist der Diskurs heute. Von kritischer Kunst erwarten wir nichts anderes. Wir betrachten sie, wir partizipieren vielleicht an einem Flashmob oder an einer Performance, und danach gehen wir zufrieden mit uns und unserem Engagement nachhause. Dann kommen irgendwann Wahlen, und wir sind wiederum zufrieden, teilgenommen zu haben. Aber das ist es nicht: Künstler offenbaren uns frei nach Robert Musil Möglichkeitswelten, die wir nicht betreten müssen oder können. Wir sehen nur durch Erzähler und lernen vielleicht daraus, aber eine direkte Einflussnahme gibt es nicht. Kann es auch nicht geben. Wenn in der Kunst Revolte ausgespielt wird, ist es längst und beileibe nicht wünschenswert, eine vor der Haustür zu erleben. Aber an Friedrich Nietzsches nachgelassenem Satz ist kaum zu rütteln. Hier sei er noch einmal zitiert: «Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.»[3] Handeln im geschützten Raum der Kunst ist etwas anderes als Handeln im politischen Raum. Musik etwa konfrontiert uns mit dem Tod zum Ende eines jeden Stücks, das wir hören, und entlässt uns in die Wirklichkeit als Zombies dieses kleinen Universums, in dem wir zuvor – wenn auch nur für eine kurze Zeit, sei es für die Dauer einer Symphonie von Anton Bruckner oder einer Moritat von Johnny Cash – mitlebendige, imaginationsgeübte Einwohner – Kings and Queens for Minutes – waren. Das lässt sich ebenso, wenn auch ein wenig anstrengender und übertragender für Malerei denken; im Falle von Literatur, Computerspielen und Film ist es konstitutive Selbstverständlichkeit, die vor allem von Kindern unmittelbar begriffen und gelebt wird.

Wie aber, wenn…

4.1. – es die Gesellschaft als System nicht gibt?

Aber was wäre es dann, dieses Konstrukt in dem wir leben? Ist es kein System? Ist es eine Art sich selbst ordnender Naturzustand? Da sind doch Strukturen ablesbar, oder etwa nicht? Woher kommen dann die Rollen, die wir alle spielen, die psychischen Dispositionen, die Institutionen – was immer wir auch ersinnen, es hat Methode, wenn diese auch nicht einheitlich ist, sondern zersplittert – je nach Ort und Gesellschaft. Wäre es nämlich nicht so, wie könnte dann ein Individuum überhaupt seine Differenz zu einem anderen reflektieren? Ist es nicht gerade das, was uns Unterscheidungskriterien an die Hand gibt? Und sind es nicht diese, welche es ermöglichen, dass zumindest ein halbwegs gesteuerter Ordnungszustand sich entwickeln kann?

4.2. – die Kunst Potenzial zu ungebrochenem Widerstand enthält?

Das ließe sich ja ganz einfach auf den Punkt bringen: Künstler schaffen wie auch immer geartete Objekte, die mich Betrachter, Nutzer, Partizipierenden, Hörer, Leser und Zuschauer im Sinne der Katharsis reinigt und auf den rechten Pfad bringt. Das ist spätestens heute ein wenig billig, denn immer noch bin ich selbst derjenige, welcher es wagt, weise zu sein, um als vernunftbegabtes Geschöpf zu erkennen, dass es ein Irrsinn ist, wenn eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft eine andere abschlachtet. Es steht zu befürchten, dass die Kunst da in der dritten bis vierten Reihe von Bildungsinstrumenten steht. Zuerst sind da die Elternhäuser und andere, viel vegetativere Systeme wie die Cliquen oder Schulen, denen wir angehören und die wir in unserer Kindheit und Jugend durchlaufen. Andersherum: Wenn Kunst frei sein soll, wenn sie frei ist, wie könnte man sie für politische Zwecke in Dienst nehmen? Jede Instrumentalisierung von Kunst liefe auf das propagandistische Gebaren totalitärer Staaten hinaus. Da hilft es nichts, dass Stalin ausgebildeter und exzellenter Opernsänger war: In seiner Doktrin des so genannten «Sozialistischen Realismus» unterschied er sich beispielsweise formal kaum von der Blubo-Propagandamalerei der Nazis. Dazu gibt es übrigens eine nette Anekdote, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte. Zu einer Zeit, als der Balkan zu großen Teilen noch Jugoslawien hieß, rief 1987 der damalige Arbeiter- und Bauerntreiber Tito Gestalter den Wettbewerb für ein Plakat aus, das den «Tag der Jugend», der jedes Jahr zum Geburtstag des Führers gefeiert wurde, pries. Die Designabteilung einer findigen Künstlergruppe, die bis heute als NSK (Neue Slowenische Kunst) In Ljubljana operiert und es genau zu visualisieren versteht, was totalitär uns in welcher Gestalt anschaut, reichte einen Entwurf mit einem strammen, fackeltragenden Naziburschen ein – und gewann den Preis. Da wurde nur die Reichsdeutschlandfahne durch die jugoslawische Nationalflagge ausgetauscht. Nazikünstler Richard Kleins Entwurf bekam zudem eine Friedenstaube anstelle des Reichsadlers. Aber ist deswegen der Eiserne Vorhang gefallen?

5. Kunst ist nicht das Produkt eines divinatorisch emanierenden Vermögens namens Genie, durch welches Gottähnlichkeit bewiesen wäre oder sich eine wie auch immer verfasste Natur selbst ausspräche.

Was spricht eigentlich dagegen, Künstler, die (hoffentlich) Steuern zahlen, essen, trinken, metabolisieren, Nachkommen zeugen oder auch nicht, als das zu nehmen, was sie sind: Menschen oder heute besser Bürger. Und zwar als solche Menschen, die aufgrund ihrer institutionell authentifizierten Etablierung im System lediglich einem herausgehobenen Gewerbe nachgehen, das nicht so alltäglich wie der Job hinter dem Telefon im Callcenter ist? Wenn dort jemand ganz besonders mit Kunden umzugehen weiß, wird er sicher nicht der Göttliche tituliert werden. Da es gerade seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine schier unglaubliche Inflation von so genannten Kreativen gibt, wird schon aus numerischer Perspektive die Floskel, jemand werde von der Muse geküsst, absurd. Daher nimmt es kein Wunder, dass dieses Bonmot niemand mehr ernst meint, sondern es für die trivialsten Einfälle, etwa die Gestaltung einer Geburtstagskarte mit einem sinnreichen Spruch, herhalten muss.

Wie aber, wenn…

5.1. – das Genie so stark ist, dass ihm die Kunst zu wenig ist?

Dann wird es Diktator.

5.2. – das Genie auch ohne Werk Genie wäre («der Maler ohne Hände»)?

Sind wir nicht alle Genies ohne Hände? «Every dog has its day / and a good dog / just might have two days.» (Thomas Pynchon, Vineland)

6. Unabhängig von sozialer Funktionalität vermag Kunst nicht zu sein. Insofern sind ihre Erscheinungen stets kontingent ebenso wie die Rede über sie.

Kunst kostet Geld. Allein mit diesem Faktum ist der Anschluss offenbar. Kunst ist nichts ohne Publikum. Daher sind Künstler Sucher nach Kommunikation, selbst wenn diese durch ein Werk vermittelt ist. Und wir kommunizieren, damit wir uns organisieren können. Also: Menschen stellen Kunst her und Menschen organisieren sich zu Gesellschaften, Gemeinschaften, Staaten usf. Aus dem kommunikativen und interaktiven Handeln, das Regeln formt, und Regulierungen schafft, die das Überleben garantieren – erst einmal ganz neutral formuliert –, differenzieren sich ganz verschiedene Teilbereiche. Diese gesellschaftlichen Subsysteme sind Abstrakta. Sie lassen sich aus der Beobachtung zweiter Ordnung ableiten, wie Niklas Luhman vereinfacht verstanden werden kann. Damit entsteht Vergleichbarkeit verschiedener Kulturkreise. Wir bleiben jedoch im eurozentristischen Gemälde. Innerhalb unserer Gesellschaft funktionieren Kunst und das Künstlertum wie Religions- bzw. Priesterersurrogate. Ähnliche Funktionsweisen finden sich im Showbiz und im Sport, so dass eigentlich das Showbiz als übergeordnete Kategorie zu fassen wäre. Gäbe es nicht das Bedürfnis, einen Ersatzglauben über eine enigmatisierte Dinglichkeit wie sie Gemälde oder andere Kunstwerke anbieten, zu schaffen, wäre Kunst nicht, was sie heute ist. Immer geht es um ein Spiel von Distanz und billiger bis komplexer Verrätselung. Kein Wunder, dass sich ein Großteil der Kunsthistoriker bis heute mit der Faktizität des Materials oder Ikonografien und Stilphänomenen auseinandersetzt. Als ob es darum ginge, Bilder wie die Bibel auszulegen. Das Schöne daran ist nun, dass wir nicht mehr den moralischen Appellen der Vergangenheit zu folgen brauchen, sondern uns in stummer Bewunderung ergehen dürfen. Alles – in Abwandlung und Übertragung eines Satzes von Max Imdahl – ist so wie es ist, es sei denn alles wäre anders. Wie wahr. Dass heute Damien Hirst und morgen «Die Jagd»[4]: Christian Jankowski und  Jorinde Voigt[5] den Markt erstürmen, liegt an einem komplexen Gefüge, das in seinen Beziehungen stets wechselseitige und mehr- bis vielwegige Austäusche garantieren muss, um lebendig zu bleiben. Einer ist das Geld, ein anderer die mediale Gegenwart und ihre multiplizierenden Environments. Das wird unmittelbar einsichtig, wenn man die öffentlich-rechtlichen Sendungen wie Aspekte (ZDF) schaut und sich über die Dummheit der Moderatoren wundern muss, die sämtliche Spielchen der Öffentlichkeit mitmachen und somit das Lackmuspapier für diese Konstruiertheit ohne einen singulären Konstrukteur abgeben.

Wie aber, wenn…

6.1. – die Kunst gesellschaftlichen Wandel übersteht?

Wenn es eine Kunst gibt, begleitet sie chamäleongleich den Wandel der Gesellschaft. Das kann leider aber auch als Argument für ihre Absenz begriffen werden. Vor allem dann, wenn man die anderen, bisher schon aufgezeigten Schlüsse hinzuzieht.

6.2 – die die ihr zugewiesenen Funktionen – in der Antike waren es für die Sprachkunst: docere, delectare, movere – durchbricht und etwas setzt, was keiner Funktion zugeordnet werden kann?

Es mag ja sein, dass Kunst aus einer Sichtweise nicht nur «interesseloses Wohlgefallen» auslöst, sondern zudem auch vollkommen nutzlos ist. So will es beispielsweise Oscar Wilde in seinem «Preface» zum Roman des Dorian Gray (§ 24). Doch etwas, das in keiner Weise zu etwas nütze wäre, müsste ein totales Vakuum erzeugen, eine Art schwarzes Loch, in dem wir alle verschwinden würden. Mit einem Paradigma einer vollkommenen Nutzlosigkeit lässt sich nur auf metaphorischer Ebene argumentieren. Sollte die Kunst existieren und etwa in einem Museum zur Schau gestellt werden, hat sie noch den Nutzen, die Menschen vom Wachdienst in ihrer Erwerbsarbeit zu entlohnen. Um nur ein Beispiel von hunderten denkbaren zu nennen. Wenn wir hingegen die Kunst negieren, können wir ohne Probleme ihre Nutzlosigkeit behaupten. Denn dann wäre sie Fiktion. Sie hätte keine Auswirkungen auf die Gegenwart und hätte nie Auswirkungen in der Vergangenheit gezeitigt.

7. Kunstschönheit ist demgemäß gleichfalls konstruiert und durch die Institutionen des Kunstbetriebs schamlos konventionalisiert.

Hier genügt der Blick in ein paar Standards der Kunstgeschichtswissenschaft. Jedes Buch, in dem nicht nur: Michelangelo, sondern auch Joseph Beuys vorkommt, jede Kunstsammlung, die uns mit alter wie zeitgenössischer Kunst vertraut macht, offenbart, wie absurd die Frage nach ewiger Schönheit ist. Eine Erinnerung: Als ich im Herbst 1992 auf Einladung eines Kunstvereins an einem Dinner mit: Jan Hoet, den ich an diesem Abend kennen lernen durfte, teilnahm, diskutierten wir – er hatte in diesem Jahr die Kasseler IX. Documenta kuratiert – etwa auch über Arbeiten von Beuys. Damals befand ich angesichts der Beuys-Ausstellung «Natur, Materie, Form» (Kunstsammlung NRW, 30. November 1991 bis 09. Februar 1992), dass die Jahrzehnte lang alternden, anlaufenden Schokoladen[6]  zum Beispiel eine gewisse schöne Anmutung besäßen. Der große Kurator, den ich spätestens seit diesem Aneinandergeraten sehr schätze, echauffierte sich darüber und verwies mich auf die wie er meinte eigentlichen Bedeutungen, die der Proto-Philosophie bzw. -Gesellschaftstheorie des Künstlers zugehörten und eben nicht einem vulgären, objektbezogenen Schönheitsbegriff. Heute, in einer Zeit, die weitaus stärker konsumeristisch geprägt ist, könnte man noch einmal darüber diskutieren, ob es nicht doch einen über die Soziale Plastik hinausgehenden Schönheitsbegriff im Material von Beuys gibt. Eigentlich bin ich damals sehr von «Plight» irritiert worden. Dies ist eine von Beuys‘ großen Installationen, die aus einem Raum besteht, in dem walzenförmige Filzrollen die Wände strukturiert bedecken. In der Mitte steht ein Konzertflügel. Diese Arbeit von 1985 galt mir eine Weile lang als Inbegriff des Schönen. Und dann wieder nicht. Heute gilt immer noch der Spruch von Andy Warhol: «All is pretty.» Es geht also viel stärker ums Hübsche, nicht so sehr ums Schöne.

Wie aber, wenn…

7.1. – die Kunstschönheit sich wegen ihrer definitorischen Unfassbarkeit («je ne sais quoi») der Konstruktion verweigert?

Sie schwebte außerhalb von uns Menschen und formierte gleichfalls ein schwarzes Loch in unserem geistigen Universum. Ich verschwände im Malstrom des Wahnsinns und riefe, gelassen verschmäht: «Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen…»

7.2. – Kunst mit Groteskem und Hässlichem der Schönheitsfixierung widersteht?

«Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.»

Alles ist gesagt.

8. Wenn es eine relevante Weise der «ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts» gäbe, die für mehr Humanität sorgen oder dazu beitragen könnte und bildende Kunst ein Teil davon wäre, dann hat sie in dieser Hinsicht vollkommen versagt.

Es dreht sich bei dieser vielleicht brutal klingenden These um die Relation zwischen Tat und Gedanke. In der konsumeristisch geprägten Gegenwart – das sollten die bisherigen Thesen bereits verdeutlicht haben – dient die Kunst dem Kapital freimütig, aber auch indirekt und unbewusst, da sie den Verwertungszyklen und -kontexten gar nicht entkommen kann. Das heißt, dass sie relativ unfrei ist. Humanität und Kunst, Pädagogik und Zwischenmenschlichkeit sind implizit imprägniert mit Strukturen des Konsumerismus. So wenig es ein Entkommen aus dem Reich der Repräsentation gibt, so wenig entkommen wir der Logik des Kapitalismus. Logischerweise, denn totaler Altruismus beispielsweise ist ausschließlich als Ideologie der Unfreiheit und damit als inhuman denkbar, und Freiheit mit Blick auf die Gesellschaft – im Unterschied zur Metapher – ist immer ein Begriff, der relational gedacht wird. Freiheit ist eine teilweise Freiheit. Daher bekommt man das eine nicht ohne das andere. Jede Pädagogik käme dann nicht dahinter, dass sie blinde Flecken nicht nur nicht erkennte, sondern vielmehr diese implizit propagierte – ohne es zu bemerken. Was für ein kapitales Versagen!

Wie aber, wenn…

8.1. – ohne Kunst kein Kunstbedürfnis bestünde?

Das ist tautologisch wie «ohne Getränk kein Durst» bestünde. Oder auf die Sache bezogen: Als könnte es eine Kunst ohne Rezipienten geben. Daher ist – um einen prominenten Buchtitel zu zitieren – der «Betrachter im Bild».

8.2. – Kunst zur ursprünglichen Sprache der Menschheit gehört?

Die Suche nach der Ursprünglichkeit der Sprache oder die Suche nach einer ursprünglichen Sprache? Heute geben wir einen Beschreibungskontext, der zumindest hierzulande das Ausagieren von semantischen Überschüssen in Gegenstand und Aktion in einen legislativ abgesicherten Bereich mit allerdings semipermeabler Membran einschließt. Ins Positive gewendet, bildet dieser etwas wie den produktiven Karneval der Gesellschaft aus. Hier ist der Ort nicht nur für die Entledigung des Sinns, für Synästhesieexzesse oder welche Spiele wir uns noch ausmalen wollen. Auch das Übersinnliche, Überstrukturierte, Hyperlogische haben dort ihr kanalisiertes Zuhause etwa an Orten wie dem Theater oder Museum. Wir haben diesen Bereich Kunst genannt. Man spräche besser von Kunstsystem. Wobei ich ausnahmsweise nicht zwischen Literatur, Schauspiel, bildender Kunst, Musik oder anderen Formen und Gattungen unterscheiden möchte. Es geht in im Allgemeinen um einen Bereich der Gesellschaft, der sich durch radikale Konsequenzverminderung auszeichnet. Aber in dem ich so schreibe, entgehe ich nicht der Falle der Zuschreibung. Hier beschreibe ich und schreibe es unserer Gesellschaft zu, so und nicht anders zu sein. Es ist naturgemäß sinnlos und verwerflich, aber vielleicht sollte ein Künstler den fürchterlichen Gedanken denken, was für eine Gesellschaft es wäre, wenn der so genannte IS auch hier regierte. Michel Houellebecque hat mit seinem jüngsten Roman «Unterwerfung» ja nur einen zaghaften Anfangspunkt gesetzt – und dafür absurde Schelte kassiert.

9. Kunst ist für die Produzenten eine ideologische Gewissensberuhigungspille, denn wer von sich sagen kann, er produziere Kunst, kann sagen, er habe Teil an der großen Fiktion aller Weltverbesserer.

Auch für diese These gilt: Wer Kunst produziert, kann keine Steine werfen. Außerdem ist Steinerwerfen keine Kunst, sondern illegitime Gewaltausübung. Wenn ich Künstler bin und ein Werk schaffe, das vorzugsweise komplex genug ist, um das Interesse halbwegs intelligenter und denkbeflissener Menschen zu wecken, kann ich politische Gehalte quasi nach Belieben einweben. Das muss ich nicht einmal explizit, denn die Theorie hat bereits vorgesorgt und legitimiert, dass jede Form, jede Gattung, jede Erscheinungsweise der/von Kunst politisch sein kann, selbst wenn sie nur einen Rapport aus mäandrierenden Liniensystemen zeigt oder aus auf die Wand aufgetragenen Duftstoffen besteht. Die Postmoderne spätestens hat’s möglich gemacht. Denn wenn es viel zu denken und wenig zu sehen gibt (Lyotard über Daniel Buren), verlagert sich der Zünder der Kunst aus dem Werk selbst, das angeschaut wird – hier der Irrtum aller (national-)sozialistischer Realisten –, ins Hirn des Rezipienten. Es gilt auf Seite des Interpreten, plausibel den Brennstoff und die Quelle des Funkens nachzuweisen. Selbst wenn beide in einem anderen Universum aufzufinden sind. Alle, die demgemäß Widerständigkeit oder politische Wirksamkeit von Kunst sowohl einfordern als auch postulieren, laufen erstens in die Irre und vermessen sich, Fiktionalität zu verkennen und Realität zu missbrauchen: um ihr Gewissen zu beruhigen, denn nichts ist einfacher, zu behaupten, man habe etwas Politisches getan. Damit schluckt man die – frei nach dem Film «Matrix» (1999) blaue Pille.[7] Tag für Tag schlucken wir Westeuropäer die blaue Pille, um vergessen zu machen, welche Schuld wir Tag für Tag mit Blick auf das Sterben in der Welt auf uns nehmen, weil wir nichts gegen beispielsweise postkoloniale Strukturen unternehmen. Die perfideste Art ist diejenige Kunst, die uns mit dem Leiden der Menschen konfrontiert und den ästhetischen Freiraum dazu benutzt, das Dokumentarische auszubreiten. Auf den vergangenen beiden Documenta-Ausstellungen, aber auch auf der jüngsten, von Okwui Enwezor kuratierten Biennale von Venedig war dies der Fall. Denn was ist das für eine Geste, wenn man Karl Marx‘ «Das Kapital» für die Dauer der Ausstellung vorlesen lässt. Das ist kein Hör-, sondern ein Studierbuch. Aber derartige Rhetoriken prägen das Kunstsystem. Daher ist es nicht gerade radikal. Es gibt im System der Kunst eben kein Entkommen aus den Krallen der Repräsentation. Und das sollte es auch nicht.

Wie aber, wenn…

9.1. – Kunst kein Quietiv ist, sondern ein Beunruhigungsmittel?

Aber nur für diejenigen, welche sich beunruhigen lassen. Dagegen gelten die Straßenverkehrsordnung und das Tötungsverbot für jeden.

9.2. – ohne Fiktion die Gesellschaft nicht verändert werden kann?

Jetzt muss ich mich sehr verdrehen, um das Veränderungspotenzial von Fiktionalität als willkürlich zugeschrieben zu definieren. Was, so ließe sich dagegen fragen, unterscheidet Fiktion von einem Entwurf? Als Ingenieur entwickle ich das Design für ein Kernkraftwerk oder ein Perpetuum mobile. Und wenn es gebaut bzw. verworfen wird, so ist dieser Entwurf eine eigene Realität gewesen, aber doch niemals Fiktion. Ist es daher verwunderlich, dass Literaturwissenschaftler und -kritiker in einem Atemzug angesichts – bleiben wir bei Houellebecqs «Unterwerfung» - einer «entwerfenden» Literatur gern von einem Gesellschaftsentwurf schreiben? Also ist das dann noch Fiktion? Wie kann ferner der Gedichtzyklus «Duineser Elegien» Fiktion sein? Sind nicht gerade Gedichte und Musik die größten Realien, die existieren? Ebenso vielleicht wie Konkrete Kunst. Und wer bitte gäbe mir je eine Antwort auf diese Frage?

10. Es gibt zu viele Arten von Kunst, als dass sich ein Kollektivsingular rechtfertigen ließe. Auch aus dieser Perspektive gibt es keine Kunst.

Geht man weit in die Geschichte zurück, drängt sich mit Blick auf den Begriff der Kunst die Erkenntnis ihrer Jugend auf. Letztlich existiert die Vorstellung von einem Genie und genialen Werken im Grunde erst seit der frühen Neuzeit bzw. entwickelt sich seitdem. Zuvor gab es einen Zustand, der an den heutigen erinnert: Zwar war nicht alles Kunst, aber es gehörten Fächer dazu, die wir heute nicht unter den Kunstbegriff subsumieren. Es gab freie aber auch technische Künste. Und die Akademie war nicht den späteren schönen Künsten vorbehalten, sondern war eine technisch-naturwissenschaftlich-juristisch-sprachwissenschaftliche Hochschule. Wir nähern uns dem wieder an. Heute ist es eine Kunst, Motorrad zu fahren oder Zucchini einzuwecken. Es ist eine Kunst, Schallplatten aufzulegen und Lichtregler zu bewegen, um Menschen zu körperlicher Bewegung zu animieren. Das Wort Kunst ist so dermaßen aufgeweicht, dass jede höhere Kunst längst unter Glaubwürdigkeitsverlustverdacht steht. Das Crossovertum der vergangenen 20 Jahre hat sein Übriges dazu beigetragen, dass wir gar nicht mehr dazu in der Lage sind, Kriterien zu entwickeln, die ehemaligen Ansprüchen genügen. Es ist das Ende der Kunst wie die älteren von uns sie noch kennen, aber es ist naturgemäß nicht das Ende aller Künste. Denn schließlich gibt es sie ja nicht, die Kunst. Und gegeben hat es sie höchstens für einen ganz kleinen Augenblick. Wann immer der gewesen sein mag.

Wie aber, wenn…

10.1. – die verschiedenen Künste einander intrinsisch mehr ähneln als sie verschieden erscheinen?

Das ändert ja wohl nichts daran, dass der Kunstbegriff als problematisch erkannt wurde und nun ein für alle Mal verworfen werden kann.

10.2. – alle verschiedenen Kunstformen nichts anderes sind als Zeichen einer ursprünglichen Tendenz, nämlich eines unvermittelten Ausdrucksbedürfnisses?

Wäre Kunst nur Ausdruck, gäbe es keine «Duineser Elegien», und unsere geistige Welt – ja, die ist vielleicht alles, was der Fall ist – wäre ein armseliges Feld aus bedeutungslosen Sprachfetzen und nachhaltigkeitsarmen Farbmanschereien. Nein, der Begriff Ausdruck ist recht nebensächlich. Wir reden übers Ganze, weil es heute um nichts weniger geht.

 


[1]     S. Jörg Scheller: Zombies der Nationalkunst, Zeit-Online (http://www.zeit.de/2015/33/kulturschutzgesetz-nationalkunst-kunstmarkt, Visit 7.12.2015) sowie das Interview mit Christiane Lange über eine eventuelle Überbelegung der Republik mit toten Museumsbetten: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/ein-gespraech-mit-christiane... (Visit 7.12.2015)

[2]     S. hierzu vor allem auf höchstem Niveau Hans Zitko: Kunstwelt. Mediale und systemische Konstellationen. Hamburg (Philo Fine Arts) 2012. S. v. a. S. 41-81.

[3]     Friedrich Nietzsche: Werk in drei Bänden. (Hrsg. Karl Schlechta). Frankfurt/Main, Wien, München (Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg) 1994, Bd. 3, S. 832.

[4]     In einer Arbeit von 1992 mit dem Titel Die Jagd, erlegte Jankowski in einem Supermarkt Joghurtbecher, Brot, ein tief gefrorenes Hähnchen und Margarine mit Pfeil und Bogen und ernährte sich davon eine Woche.

[5]     WV 2010-650 Grosse Melodie / Horizont Melodie, Zäsur, Himmelsrichtung / Territorium, Zentrum, Wasser, Airport; Konstruktion, Dekonstruktion; N, S, O, W; Position (identisch) Zentrum; Kontinentalgrenze, mögliche Farben des Horizonts Jorinde Voigt Berlin 2010 Tinte, Bleistift auf Papier 202 x 300 cm Unikat Signiert.

[6]     Aus: Künstlerpost. Plastikkuvert mit Margarine und weißer Schokolade gefüllt, mit Ölfarbe (Braunkreuz) gestempelt, 32 x 23 x 1 cm, unter Glas gerahmt. Eines von insgesamt 120 Exemplaren. Erschienen in: Künstlerpost, Edition art intermedia, Köln. Auf der Rahmenrückwand mit dem Stempel «Slg. Carl Vogel Hamburg» versehen,

[7]     Das entsprechende Zitat aus dem Drehbuch lautet: «This is your last chance. After this, there is no turning back. You take the blue pill – the story ends, you wake up in your bed and believe whatever you want to believe. You take the red pill – you stay in Wonderland and I show you how deep the rabbit-hole goes.»