Bernhard H. F. Taureck: Karl Marx und seine postmarxistische Relevanz, dargestellt an vier Büchern

Jede Beschäftigung mit Marx muss bewusst oder unbewusst, geplant oder ungeplant, ausdrücklich oder unausdrücklich auf drei Fragen kritisch differenzierend antworten. Erste Frage: Was wird wie beschrieben? Zweite Frage: Was wird wodurch erklärt? Dritte Frage: Was wird wie begründet vorausgesagt?

Die erste Frage (Beschreibung) beantwortet Marx durch die Auflösung der Familie, der kleinen und mittleren Unternehmen und des Staates infolge der Marktdynamik. Er beantwortet sie ebenso durch die Entfremdung des Menschen von sich selbst, der genötigt wird, als Mittel für andere zu arbeiten. Kritisiert wird daran, dass kleine und mittlere Betriebe durchaus weiter existieren trotz Kapitalakkumulation und absoluter Mehrwerterzeugung. Zur Entfremdung gilt: Marx ging von einer Disziplinargesellschaft aus, die seit langem entfiel. Mit der Freiheit von Arbeitszwängen werde jedoch nicht die Entfremdungsbeschreibung hinfällig.

Die zweite Frage (Erklärung) beantwortet Marx mit einer ursprünglichen Akkumulation in Großbritannien, mit Hilfe dialektischer Prozesse, mit einem Tausch gleicher Werte und einer Theorie von gegeneinander kämpfender Klassen. Kritisiert wird daran: Die Akkumulation habe nur lokal an verschiedenen Orten stattgefunden. Zudem gehe sie weiter, während Marx sie für abgeschlossen hielt. In der Dialektik von Marx bleibe die Arbeitskraft eine dialektisch unveränderte Größe. Wert werde von Marx objektivistisch konzipiert, indem behauptet wird, dass stets gleiche Werte getauscht werden. Die Börse sei jedoch extrem psychologisiert mit der Folge, dass Tauschvorgänge nach oft irrational subjektiven Einschätzungen erfolgen. Außerdem bestimmen sich Wertbestimmungen inzwischen auch nach Gesichtspunkten der ökologischen Nachhaltigkeit. Marx sei von einem naiven Realismus bestimmt und wisse nichts von der Beobachtungsabhängigkeit von Wahrnehmungen und Urteilen. Zudem sei er fälschlich der Ansicht gewesen, dass sich Machtbezüge ausschließlich hinsichtlich der Klassengegensätze aussagen lassen. Macht würde es aber auch nach Abschaffung der Klassengegensätze geben.

Die dritte Frage (Voraussage) beantwortet Marx mit einer Tendenz zum Fall der Profitrate infolge Überproduktion mit Absatzminderung, Handelskrisen und menschlicher Emanzipation. Kritisiert wird daran, dass Marx über keine Techniktheorie verfügt, dass Technik und Macht den Kapitalismus überleben können und dass der Kapitalismus die Klassenkonflikte verrechtlicht, Krisen abfedert, zum Beispiel durch staatsbürgerlichen Privatismus: Der Staat nimmt den Bürgern einen Teil ihres Lebensrisikos ab und verlangt von den Arbeitern gleichzeitig, dass sie sich lediglich als Bürger engagieren, nicht aber als Mitglieder einer gesellschaftlichen Klasse.

Insgesamt folgt aus der ausdifferenzierten Kritik an Marx, dass Marx falsifiziert ist, solange er als unveränderlicher Bestand von Lehrsätzen gelesen wird. Ebenso folgt: Marx begleitet genau dann die weitere Entwicklung des Kapitalismus, wenn seine Beobachtungen, Erklärungen und Voraussagen als etwas Elastisches gelesen werden, das sich zwischen falsch und wahr erstreckt und das prinzipiell helfen kann, in verschiedener Hinsicht zutreffend, wenngleich nicht unfehlbar zu werden. Diese zweifache Konsequenz ergibt sich aus so verschiedenen Monografien und Einführungen des beginnenden 21. Jahrhunderts wie Gérard Bensussan (Marx le sortant/Marx, Aussteiger aus der Philosophie), 2007), Bernd Ternes (Karl Marx, 2008), Robert Misik (Marx verstehen, 2010), Terry Eagleton (Why Marx was Right, 2011), Pierre Dardot/Christian Laval (Marx, prénom: Karl, 2012) und last not least Domenico Losurdo, zuletzt mit: La sinistra assente (Die abwesende Linke), 2014. Auch jene Studie von Axel Honneth (Die Idee des Sozialismus, 2015) schließt sich an, den Sozialismus als verstetigte Harmonie zwischen familiärer Intimität, politischer Willensbildung und dem Abbau von Einkommensungleichheiten mittelbar im Sinn von Marx zu befürworten.

Vier Bücher seien hier vorgestellt. Vier Bücher zu verschiedenen, gleichwohl vernetzten Themen. Zu TTIP als dernier cri der Globalisierung. Zu Pikkety als Befürworter eines dynamischen Kapitalismus. Zur Polanyi und Nancy Frazer als Analytiker der Emanzipation. Zum Kapitalismus als Basiskonzept für das Verständnis unserer politischen Welt.

Die vier Schriften demonstrieren in verschiedener Hinsicht eine postmarxistische Gültigkeit der Marx'schen Beobachtungen, Erklärungen und Voraussagen. Beginnen wir mit Die Freihandelsfalle, dem Sammelband zum TTIP-Abkommen. Auf der Berliner Anti-TTIP-Demonstration vom 10. 10. 2015 mit etwa 250.000 Demonstranten wurde öffentlich, dass das CETA-Abkommen zwischen Kanada und den USA auf beiden Seiten bereits hunderttausende bis eine Million Arbeitsplätze kostete. Die große Koalition, die Unternehmer oder Beiträge auf „Spiegel-Online“ reden die TTIP-Risiken noch immer gering. Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie, findet: «Wir Europäer müssen die Globalisierung gestalten wollen. Wer nur blockiert, verliert.» Grillo appelliert damit an jene, die ein Buch wie Die Freihandelsfalle nicht lesen. Denn mit «wir» sind hier die europäischen Unternehmer gemeint. Die Formulierung «gestalten wollen» bezeichnet die Entmachtung der Staaten zugunsten der Privatunternehmen. Das «verliert» ist Wasser auf die Mühlen des Vergessens. Denn Ende der 1990er Jahre verschwand das Vorgänger-Projekt namens MAI in dem Augenblick, als Globalisierungskritiker es an die Öffentlichkeit brachten (S. 74). Wikileaks enthüllt im Oktober 2015 unter Verschluss gehaltene Papiere: Mit dem geplanten Abkommen werden preiswerte Medikamente (Generika) teuer und für bedürftige Patienten unerschwinglich. Die Analysen des hervorragenden Bändchens bleiben trotz diese neuen Ereignisse aktuell.

Die Globalisierung – verstanden als Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln und Benennungen – sollte dem Wort nach allen nützen und begünstigte der Sache nach wenige. Die Krise von 2008 stärkte die Reichen. Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, beweise, dass die «Regierungen in Europa und den USA […] selbst aus der Finanzkrise nichts gelernt haben» (S. 80). Dies stehe im Kontrast zu Asien und Südamerika, die beide «aus ihren regionalen Krisen in der Vergangenheit längst Schlüsse gezogen und sich für eine stärkere Regelung der Finanzmärkte entschieden» haben. Das TTIP scheint unausweichlich, alle Sachzwänge sind wieder selbstgemacht und das Lamento derer, die nicht wissen konnten, welche Zwangsregeln installiert werden, damit die Märkte definitiv regulierungsimmun agieren, wird wie üblich seitens derer hörbar werden, die ein Buch wie dieses nicht lasen. Daher sei es mit Nachdruck empfohlen. Es bietet eine Mischung aus geordneten Informationen, verbunden mit kritischen Warnungen und einer Liste der längst formulierten Alternativen seines des «Alternative Trade Mandate». Alles, was die Investoren wollen, ist Schutz vor der Diskriminierung durch die Gastländer. Sie verlangen somit Garantieerwartungen für private Güter. Die Verfasserinnen und Verfasser setzen diesem Wunsch den Gedanken einer Bewahrung der öffentlichen Güter entgegen. Dazu gehören ein Schutz der regionalen Produktion, Schutz der Umwelt, Schutz der Arbeitsmärkte, der staatlich garantierten Öffentlichkeit, der öffentlichen Dienstleistungen bezüglich Nahrung, Wasser, Gesundheit und Bildung.

Man erkennt: Schutz wird sowohl von den Investoren als auch von den Verbrauchern verlangt. Schutz scheint das mit dem Kapitalismus derzeit am meisten verbundene Gut zu bilden. Neu erscheint dabei allerdings, dass der Schutz vor dem Kapitalismus ergänzt werden soll durch den Kapitalismus als schutzwürdiges Gut. Ist eine solche Ergänzung möglich? Die Frage hatte sich bisher nicht gestellt. Mit dem TTIP ist sie auf dem Tisch. Mit diesem Abkommen soll es in der Tat möglich sein, dass Konzerne für entgangene Gewinne entschädigt werden können und zwar vor dem Richterstuhl privater Einrichtungen, die jeder staatlichen Kontrolle entzogen sind. Auf diese Wiese wird zweierlei eingeführt, ein Recht auf Belohnung für Verluste und eine Staatsentmachtung. Innerhalb einer staatlichen Ordnung kann es kein Recht auf nicht erzielte Gewinne geben, ebenso wenig wie es ein Recht gibt, nicht bestandenen Examina als bestanden zu buchen. Der Schutz des Kapitalismus führt zu einer Beendigung des Schutzes vor dem Kapitalismus.

Mit dem Thema des Schutzes vor dem Kapitalismus beschäftigt sich das Buch von Michael Brie. Es ist drei Phänomenen gewidmet, der Dynamik des Kapitalismus, dem Schutz vor Kapitalismus und der Emanzipation. Wenn Kapitalismus geschieht, dann muss der Staat oder die Gesellschaft Formen des Schutzes finden und erfinden, welche in der Lage sind, die Mehrheit vor der Minderheit des Unternehmerhandelns schützen. Doch ein Denken des Kapitalismus in Kategorien des Schutzes vor dem Kapitalismus bleibt dem Kapitalismus verhaftet und enthält keinerlei über ihn hinausweisenden Dimension. In einer darstellenden Auseinandersetzung mit dem seit einigen Jahren erneut aktuell gewordenen Karl Polanyi und Nancy Frazer legt Brie dar, dass die den Kapitalismus überschreitende Dimension nichts anderes als politische Emanzipation bedeuten kann. Politische Emanzipation: Bedeutet das nicht jenen Utopierest des 19. Jahrhunderts, der mehr als eine Reminiszenz nicht zu bieten hat? Wie aber, wenn der kapitalistische Staat, der lediglich über eine Output-Demokratie verfügt, seine Bürger von einer politischen Emanzipation deshalb schützt, weil er sie als revolutionäre Bedrohung der «liberalen Oligarchie» (Danilo Zolo für: «Demokratie»)) wahrnimmt? Bereits 1881 hatte Bismarck seine Sozialgesetzgebung als Prävention einer Revolution verstanden, worauf Brie passend verweist (26). Polanyis The Great Transformation. The Political and Economic Origins of Our Time ist 2001, versehen mit einem Vorwort von Joseph E. Stiglitz, bei Beacon Press in Boston neu erschienen. Polanyis Diagnosen enthielten die Einschätzung, dass Arbeit, Land und Geld lediglich fiktive Waren darstellen und dass ihre Vermarktung eingestellt werden müsse. Stiglitz weist in seinem Vorwort darauf hin, der von Polanyi als Täuschung verstandene selbstregulative Markt könne zu einem «Mafia capitalism» und zu einem «Mafia political system» führen. Das Beispiel Russlands nach der Auflösung der Sowjetunion zeige: Der Markt richtete es nicht. Denn dafür fehlten «the necessary legal and institutional infrastructures».

Unschätzbar sind die von Brie übersetzten und abgedruckte Texte von Nancy Frazer und Polanyi. Frazers Überlegungen laufen auf den Schlüsselsatz hinaus: «Von jetzt ab gibt es keinen sozialen Schutz mehr ohne Emanzipation» (114). Die abgedruckten Texte von Polanyi – darunter ein Hamlet-Essay, der das düstere Zeitalter Polanyis als dennoch hoffnungsgeladen deutet – und die Berliner Rosa-Luxemburg-Lecture von Karin Polanyi-Levitt sind wertvolle Dokumente, welche den «common sense» der Staatsbürger als «Basis von Politik in einer Demokratie» (Polanyi 128) auszeichnet.

Ralf Krämers Kapitalismus verstehen schlägt einen riesigen Bogen von ökonomisch-marxistischen Begriffen zu den beiden Hauptproblemen des Kapitalismus, der Finanzwirtschaft (verstanden als Erwartungsvermarktung) und der Beschäftigungssituation. Sei es das Wertgesetz, Mehrwert, sei Fordismus und Postfordismus, seien es die Krisen seit 2008, sei es ein von Krämer geforderter sozialer Umbau des Kapitalismus statt seiner Überwindung – all diese Themen und Unterthemen finden bei ihm eine gleich intensive und übersichtliche Behandlung. Krämer zeigt faktisch, wie elastisch die Konzeptionen von Marx und Friedrich Engels aus 19. Jahrhundert blieben. Pointierte Zitate beider Klassiker begleiten seine Ausführungen fast kontinuierlich. Eine von Krämer geforderte Ersetzung des Neoliberalismus – verstanden als Konzept der Privatisierung öffentlicher Güter – durch einen ökologisch-sozialen Umbau des Kapitalismus konnte Marx nicht vorwegnehmen. Die von Iring Fetscher wieder in Umlauf gebrachte Marx-Forderung nach einer geordneten Hinterlassenschaft für die künftigen Generationen könnte indes als aktuelles Verbot formuliert werden: Nachfolgende Generationen dürfen nicht genötigt werden, eine vergiftete Erde zu entgiften. Wenn «Adel» verpflichtete und wenn Kapitalismus verpflichtungsunfähig ist, so müsste es Regelungen geben, dass der Kapitalismus endlich Verpflichtungen übernimmt.

Das Büchlein zu Pikkety ist leicht zu lesen und leicht zusammengefasst. Pikkety konstatiert einen Zustand r>g (der Vermögensreichtum ist größer als das Wirtschaftswachstum) und verlangt eine Umkehrung: g>r (das Wachstum habe größer zu sein als der Vermögensreichtum). Als Mittel zu dieser Umkehrung schlägt Pikkety eine globale Vermögenssteuer vor, die bei einer bestimmten Vermögenshöhe einsetzt. Konservative verdächtigen Pikkety eines verborgenen Marxismus. Linke Kritiker erblicken in seinen Analysen lediglich Systembeschreibungen, welche die Frage des Privatbesitzes der Produktionsmittel nicht stellt. Das Büchlein verdeutlicht all diese Aspekte.

Ergänzend sei zweierlei festgestellt. Erstens, die Tendenz eines sich auf Vermögen ausruhenden Kapitalismus, ein Genießen von Luxus, eine Erstarrung des Innovationsgeistes hatte bereits 1913 Werner Sombart in seiner Studie Der Bourgeois. Zur Geschichte des modernen Wirtschaftsmenschen für Italien, Holland, Spanien, Frankreich und Großbritannien im Unterschied zu Deutschland und den USA beobachtet. Marx hatte diese Tendenz nicht wahrgenommen. Zweitens: Pikkety entdeckt jene progressive Besteuerung wieder, welche die Autoren des Manifests der kommunistischen Partei 1848 forderten und welche seither ein kapitalistisches Gemeinwesen überhaupt erst lebensfähig werden ließ. Das Büchlein zu Pikkety leitet uns zu einem Dilemma: Geschieht Wachstum, dann scheinen ein ökologischer Kollaps und soziale Ungleichheiten unvermeidlich. Ein Luxus- und Vermögenskapitalismus dagegen führt zu unausgleichbaren Ungleichheiten und politischer Exklusion der Mehrheiten. Eine Diskussion und Bearbeitung dieses Dilemmas steht noch aus.

TTIP, Pikkety, Krämers Quasi-Lehrbuch zur politischen Ökonomie sind ökonomischen Disproportionen gewidmet. Es scheint sich Rathenaus Wort zu bestätigen, dass die Wirtschaft unser Schicksal sei. Die Bemühungen von Polanyi und Nancy Franzer laufen jedoch darauf hinaus, dass die Ökonomie nicht unser Schicksal wird und nicht werden darf. Axel Honneth möchte derzeit unter Sozialismus verstehen, dass Intimität, politische Willensbildung und ein institutionalisierter Abbau von Einkommensungleichheit miteinander harmonieren. Auf diese Weise wird Marx nicht historisiert. Vielmehr möchte der Postmarxismus die Marx'schen Quellen einer zumindest methodisch konzipierten post-anthropozentrischen Harmonie zwischen Natürlichkeit und Kultur fließen lassen, an deren Vergiftung der Kapitalismus mit immer neuen Einfällen arbeitet.

Besprochene Literatur

Harald Klimenta, Andreas Fisahn u.a. Die Freihandelsfalle. Transatlantische Industriepolitik ohne Bürgerbeteiligung – das TTIP. VSA, Hamburg 2014, 126 S, 9 Euro
Michael Brie, Polanyi neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zu einem möglichen Dialog von Nancy Frazer & Karl Polanyi. VSA, Hamburg 2015, 174 S, 10 Euro
Ralf Krämer, Kapitalismus verstehen. Einführung in die Politische Ökonomie der Gegenwart. VSA, Hamburg 2015, 253 S., 16,80 Euro
Joachim Bischoff und Bernd Müller, Pikkety Kurz &Kritisch. Eine Flugschrift zum Kapitalismus im 21. Jahrhundert. VSA Hamburg. 93 S., 9 Euro

Bernhard H. F. Taureck, 2015
Prof. Dr. i. R. TU Braunschweig