«Privatheit war gestern, heute es geht um die Freiheit!»

Florian Mehnert im Gespräch mit Matthias Kampmann

MK: Mit Blick auf die Situation globaler Totalüberwachung: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie agieren müssen?

FM: Schon seit einigen Jahren wuchs meine Besorgnis und die Erkenntnis, dass man durch das Anhäufen, Auswerten und Speichern von Userdaten individuelle Profile generieren könnte. Mir wurde zunehmend klar, dass wir uns in der digitalen Parallelwelt, die wir uns durch das Internet geschaffen haben, nicht anonym bewegen können. Zunächst dachte ich daran, dass vor allem ein Internetprovider ja genau sehen kann, welche Webseiten man aufruft, dass Google, Amazon und andere Profile über einen erstellen können und werden. Ich habe mich dann bewusst gegen jede Socialmedia-Plattform entschieden, empfand es als unangenehm, wenn Amazon mich wiedererkannte und mir Kaufempfehlungen vorschlug. Mir wurde früh klar, dass ich über meine IP-Adresse überall zu erkennen war. Die Kamera meines Laptops schien mich ständig anzublicken, sodass ich diese schon bald darauf zuklebte.
Es beschlich mich schon lange vor den Enthüllungen von Edward Snowden ein Gefühl des Überwachtwerdens. Ich habe angefangen TOR-Browser zu verwenden – oft aber wegen der daraus resultierenden Langsamkeit nicht durchgängig. Dann kommen im Juni 2013 die Veröffentlichungen durch Snowden. Alle meine Ahnungen und Befürchtungen werden bestätigt. Ich bin schockiert. Es entsteht für mich eine unlösbare Problemstellung, über die ich beginne, eine künstlerische Annäherung zu suchen. Ich entdecke und lese «Überwachtes Deutschland» des Historikers Josef Foschepoth. Beginne zu verstehen in welchem historischen Zusammenhang die Überwachung in Deutschland seit der Gründung der Bundesrepublik steht. Ich will handeln, suche nach einer Möglichkeit der künstlerischen Auseinandersetzung. Dann im August 2013 kommt plötzlich der Gedanke, den Wald abzuhören, zu verwanzen! Die «Waldprotokolle»: Ausdruck und Ergebnis meiner dringenden Notwendigkeit eine Annäherung an die Überwachungsproblematik zu finden. Ich beginne mit der Planung und bald darauf mit den ersten Aufnahmen in den Wäldern…

MK: Sind Sie einschlägig «vorbelastet», z. B. als CCC-Mitglied, oder waren das alles Alltagserfahrungen?

FM: Als Jugendlicher hatte ich um 1982-83 zu Hause früh Zugang zu einem der ersten sogenanten PC, der M20, ein teures Gerät der Firma Olivetti. Die Programmiersprache war u. a. Basic, da gab es noch keine Maus, aber schon eine Art Modem, der sich Akustikkoppler nannte und auf den man einen Telefonhörer stecken konnte, der dann eine Verbindung zu einem anderen Rechner herstellte. Ich habe aber nie Kontakt mit Computer-Freaks oder Clubs gesucht. 1997 begann ich an der Arbeit «icelandproject», meine erste künstlerische Auseinandersetzung mit dem damals noch in den Kinderschuhen steckenden Internet. Ich brauchte für das Projekt eine Webseite und habe dann HTML, Flash, CSS usw. gelernt. Es sind Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Beschäftigung mit der Programmierung und mit der Entstehung des Internets. Ich konnte früh sehen, wie das Netz funktioniert, was technisch Möglich ist und wohin es inhaltlich führen würde. Das «icelandproject» war Ausdruck, Bearbeitung und Auseinandersetzung mit dem Internet und hat sehr weit nach vorn geblickt.

MK: Das «icelandproject» stellt, wie Sie selbst beschreiben, eine frühe Form eines sozialen Netzwerks dar. Wenn wir uns heute vorstellen, dass man als Besucher sogleich per Kamera ins Netz kommt, wird einem mulmig. Was war damals anders? War es leichter, die Technik unbefangen zu nutzen?

FM: Mit dem Internet und der sich dann ja auch rasant verbreitenden Mobiltelefone war plötzlich eine neue, erweiterte Form der Echtzeitkommunikation möglich. Das war faszinierend. Mit meinem Handy konnte ich 1998 in Island in der Einöde auf Lavafeldern telefonieren. Das war für mich der Inbegriff der Erfüllung meines Kommunikationsbedürfnisses. Der Gedanke an einen Missbrauch im Sinne der Überwachung war zu der Zeit gar nicht vorhanden, der Umgang mit der neuen Technologie natürlich vollkommen unbefangen. Es war zu diesem Zeitpunkt für mich zwar klar, dass es auch bald Kameras in Handys geben würde und mobile Internetanbindungen, aber ich habe darin keine Bedrohung gesehen. Für das «icelandproject» wäre es damals schon aufwändig gewesen die Datenübertragung mehrerer Livecams zu realisieren. Hätte ich das Projekt 1999 umgesetzt, wäre bei den meisten Menschen zu Hause nur ein briefmarkengroßer Livestream möglich gewesen. Die Möglichkeit der globalen Echtzeitkommunikation in Bild und Ton über das «icelandproject» umzusetzen und damit die Erfüllung eines unserer wichtigsten «psychischen» Grundbedürfnisse zu realisieren und auch zu hinterfragen, war ungetrübt von irgendwelchen Überwachungsgedanken. Im Gegenteil, das «icelandproject» sah vor, jeden Besuch, ob körperlos über das Netz oder physisch im Gebäude aufzuzeichnen und abzuspeichern. Die Aufzeichnung war ja wichtigster Bestandteil, um die Möglichkeit der «inneren und äußeren Erfahrung der eigenen Wahrnehmung», sowie die Reflexion darüber anzubieten.
Die Frage nach der Wahrnehmung der eigenen Realität, die bis heute aktuell ist, wollte ich auf diese Weise stellen. Heute haben wir ein Internet, dass nichts vergisst. Das unsere Vergangenheit genauso bereit hält, wie unserer Gegenwart und sogar versucht die Zukunft durch Algorithmen vorherzusagen.

MK: Aus der Web-Doku zum «icelandproject» lässt sich verhalten der sozialutopische Traum, der mit dem damals sich verbreitenden Internet von uns geträumt wurde, herauslesen. Jetzt ist das Netz erwachsen geworden, und in der Kunstszene debattieren wir – übrigens ja auch ungefähr seit der Documenta X, 1997 – unüberhörbar über politische Aspekte der Kunst. Wie groß ist die politische Kraft von Kunst?

FM: Kunst über politische Themen kann sehr kraftvoll, authentisch und auch mächtig sein.
Denn sie drückt nicht nur die Auseinandersetzung des Künstlers mit seiner individuellen Problemstellung aus (was ich im Übrigen durchaus immer sehr interessant finde), sondern macht für jeden Betrachter auch einen vielleicht abstrakten, schwierig zu erfassenden oder zu verbalisierenden Konflikt sichtbar und begreifbar. Die Kunst kann hier den Konflikt oder die Problemstellung eines ganzen Volkes oder einer Generation aufdecken und helfen diesen zu bewältigen.
Die «Waldprotokolle» haben auf ihre Weise zum ersten Mal für viele Menschen deutlich gemacht, was diese Überwachung von der überall in den Medien berichtet wurde, eigentlich bedeutet. Über die «Waldprotokolle» haben sich manche mehr aufgeregt, geradezu wütend erregt, als über die allgegenwärtige Massenüberwachung selbst. Die politische Kunst kann wichtige gesellschaftliche Gedanken und Entwicklungsprozesse in Gang setzen.

MK: Bevor wir weiter über das Politische der Kunst sprechen, lassen Sie uns ein paar Worte über Ihr jüngstes Projekt «Menschentracks» wechseln. Auch hier geht es um Überwachung. Hier, stärker noch als bei den «Waldprotokollen» greifen Sie in die Privatsphäre von Menschen ein, indem Sie ihre Smartphones gehackt und Kameras ohne das Zutun des Eigentümers aktiviert haben. Wie war das möglich?

Ich wollte nach den «Waldprotokollen», ein Folgeprojekt realisieren, etwas, das noch tiefer in die Komplexität der Überwachungsproblematik eindringt, das anders als die «Waldprotokolle» , die ja auch mit dem deutschen Mythos des Waldes gebrochen haben, noch mehr in die alltägliche Realität der Menschen eindringt. «Menschentracks» war technisch viel komplexer umzusetzen. Und ich war nicht in der Lage die Hacks selbst zu bewerkstelligen. Ich habe mich nach konzeptionellen Überlegungen auf die Suche nach Hackern gemacht, die mir bei diesem Projekt helfen konnten.
Es gibt eine große Szene von Hackern, die sich einem guten Ziel verschrieben haben. Die mit ihren Hacks nicht schädigen, sondern eben Sicherheitsschwachstellen aufdecken. Zwei davon habe ich gefunden und habe sie irgendwo in Deutschland getroffen. Kontakte, Namen oder Orte darf ich nicht preisgeben, das haben wir vereinbart. Ich habe ihnen meine Intention, mein Projekt erklärt und mit ihnen lange über das ganze Themengebiet gesprochen. Die Hacker täuschten beispielsweise in Cafés ein offenes WLAN vor und konnten dann bei eingebuchten Smartphones Malware installieren und später so die Kameras und Mikrofone ansteuern. Das Videomaterial übergaben sie mir dann später. Ich habe dann die Daten nach Kriterien der Trivialität, nach Alltagsszenen ausgewertet und daraus dann die 42 Smartphone Sequenzen für die «Menschentracks» extrahiert.

MK: Klar, Hacker sind eben etwas anderes als Cracker! Wie funktionierte das Projekt denn technisch? Gab es eine Funktion, die dann die Kamera zu einem festgelegten Zeitpunkt aktivierte? Oder lief das per Sensorik? Und speicherte das Telefon die Filme im Smartphone oder wurden die direkt gestreamt? Oder wurde verschickt, wenn sich das Gerät in einem WLAN anmeldete (Kostenvermeidung)? Verlief das ganze Vorhaben ohne Identitätsfeststellung oder haben Sie nachträglich Erlaubnis eingeholt? Und wie haben Sie sich selbst rechtlich abgesichert? Für mich klingt es so, als läge da ein ganz schön saftiger Straftatbestand vor…

Ihre Frage geht sehr in technische Details, die ich nicht beantworten kann. Ich habe die Smartphones nicht selbst gehackt. Das ganze lief meines Wissens ohne Indentitätsfestellung; ich weiß nicht von wem, oder von welchem Smartphones die Filmsequenzenen kommen. Eine Erlaubnis gibt es deshalb nicht. Ich habe nur das mir zur Verfügung gestellte Material verarbeitet.
Die Kunst ist frei und muss sich angesichts der täglichen Verletzung unserer Grundrechte durch die NSA und auch durch unsere eigene Regierung Grenzüberschreitungen erlauben, um auf diesen unfassbaren Umstand zeigen zu können. Man muss sehen, dass die ganze Überwachung auch auf vertraglichen Grundlagen mit den Alliierten aus der Nachkriegszeit aufbaut. 1969 wurden mit dem so genannten G10-Gesetz die Weichen für eine dauerhafte, rechtlich legitimierte Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs gestellt.1 Wer konnte da ahnen, wie wunderbar sich das Ganze dann im Jahr 2014 technisch perfektionieren lässt! Wer sich das G10-Gesetz einmal durchliest, wird feststellen, dass es sehr komplex, enorm umfangreich und undurchsichtig ist. Ganz am Ende des Texts steht der lapidare Satz: «Das Grundrecht des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes) wird durch dieses Gesetz eingeschränkt.» Es stellt sich daher die Frage, ob nicht durch die permanente Einschränkung der Grundrechte seitens unserer Regierung ein «saftiger» Straftatbestand vorliegt.
Es geht bei der Überwachung meiner Ansicht nach auch nicht mehr um Sicherheit zum Schutze des Staates und des Volkes. Wer in diesem geradezu totalitären Umfang von jedem sämtliche Kommunikation (alle E-Mails, alle Telefonate, jede einzelne SMS, alle Posts irgendwo auf einer Webseite, jedes irgendwo hochgeladene oder in der Cloud befindliche Foto) – und nicht nur das, sondern auch das Verhalten im Internet (welche Seiten habe ich wann, wie lange aufgerufen, was habe ich wann wo gekauft, welche Suchanfragen habe ich wann gestellt) überwacht und speichert, dem geht es nicht mehr um Sicherheit. Der erhält die Macht und die Möglichkeit, ganze Gesellschaften zu steuern, zu klassifizieren und zu beeinflussen.
«Menschentracks» veranschaulicht das, was uns die Veröffentlichungen über die Machenschaften der Geheimdienste längst aufgezeigt haben. Mit dem Unterschied, dass «Menschentracks», die unsichtbare Überwachung in 42 kurzen Sequenzen (42 anonyme Videoschnipsel ohne Anfang und ohne Ende) sichtbar macht und damit zur offenen Auseinandersetzung über eine Situation auffordert, in der es gar nicht mehr um Privatheit geht.
Privatheit war gestern, heute es geht um die Freiheit!

MK: Noch ein paar Folgefragen zum Technischen/Materiellen: Mussten Sie die Videos überarbeiten? Irgendetwas schneiden? Sind alle gleich lang? Oder spielt das formal keine Rolle? Und wie groß war der Pool des Materials? Und war 42 die Antwort auf die Frage nach dem großen Ganzen? Also die Antwort auf alles?

FM: Ich habe die Videos alle überarbeitet und geschnitten. Wo Gesichter zu sehen sind, habe ich sie verpixelt. Über 60 GByte Filmmaterial sind zusammen gekommen. Teilweise minutenlange Filme. Mir ging es darum, kleine Sequenzen zu schaffen, die zwischen 30 und 60 Sekunden lang sind. Diese sollten weitgehend trivialen Inhalt haben, also nicht zuviel und nicht zuwenig zeigen. Gerade so viel, dass im Kopf des Betrachters eine kleine Geschichte entstehen kann. Gerade so wenig, dass aber auch Fragen entstehen, auch die Fantasie hinzukommt, um die Geschichte möglicherweise weiterspinnen zu können. Die Überwachung hat trotz der ganzen Macht und Gefahr, die sie in sich birgt, auch ganz absurde komische, ja sogar ästhetische Aspekte, wie auch manche Sequenzen in «Menschentracks» zeigen. Und es stimmt, 42 ist bekanntlich die Antwort auf die Frage nach dem großen Ganzen. Die Lösung.

MK: Was ist Ihr Ansatz, wenn Sie technische Medien verwenden?

FM: Ich denke immer wieder darüber nach, wie ich die heutigen komplexen Techniken in der Kunst verwenden kann. Es ist sehr schwierig, und oft ist die Gefahr groß, dass es am Ende doch nur eine technische Spielerei für sich ist, die keine inhaltliche Aussage schafft. Die also als Kunst nicht funktioniert. Es ist schlicht so, dass die Kunst da anfängt, wo sie inhaltlich über die verwendeten Mittel hinweg steigen kann. Wo die Mittel in den Hintergrund geraten, weil die Aussage beeindruckt, «funktioniert» und vergessen lässt, aus welchem Medium sie entsteht. Ich versuche deshalb umgekehrt zu denken. Ich stelle mir nicht die Technik vor, sondern meine Inhalte, die ich transportieren will. Dann suche ich nach einem Medium, mit dem ich meine Aussage ausdrücken kann.
Bei den «Waldprotokollen» beeindruckt mich im Nachhinein, wie gut die Arbeit in ihrer Reduktion funktioniert. Die «Waldprotokolle» sind ja nicht physisch Präsent. Genauso wenig spürt man ja die digitale Überwachung. Die Arbeit besteht am Ende lediglich aus 22 Audiodateien. Aber die Arbeit steigt inhaltlich weit über diese Dateien hinweg und stößt eine ganze Gedankenlawine an…

MK: Ich schwenke mal ein wenig in Richtung Kunst. In Ihrer Antwort bringen Sie ein klassisches, modernistisches Prinzip zum Ausdruck: Less causes more, wenn ich mal ein wenig Robert Browning umdichten darf. Mich interessiert, wie das elektronische Werk mit dem analogen in Verbindung steht. Oder entstehen die Malereien und Stroh-Arbeiten unabhängig davon?

Ob analog oder elektronisch: Es ist die konzeptuelle Herangehensweise, die grundlegend gleich ist. Es ist nur das Medium, das hier wechselt. Es ist immer die Notwendigkeit der Auseinandersetzung, manchmal die Annäherung an einen Konflikt, die jeder Arbeit zugrunde liegt. Die Strohobjekte, die Felder oder Ställe2 sind die Auseinandersetzung mit meinem Paradox der selbst gewählten Isolation, dem Problem Dorf, zurückgeblieben, langweilig, unsexy, spießig, dem ich durch die digitale Welt entrinnen kann. Gleichzeitig ist es auch der Ausdruck des Konflikts, den ich zwischen der analogen und digitalen Welt empfinde. Ein nur analoges Leben kann ich nicht mehr führen, und dem digitalen Leben fehlt es an Erdung und Körperlichkeit. Es gibt z. b. die Videoarbeit «Blätterschatten Moving», über die es deshalb im Nachhinein dann Arbeiten auf Papier gibt. Auch das Material Stroh, fremdartig geworden, Sinnbild für primitives schmutziges Leben, voller Amöben, unwichtig, unbrauchbar für die heutige Welt. Dann in Folien, sauber, glatt, eingepackt, glitzernd – dem ursprünglichen Sinn enthoben. Oder was tut das Projekt «Global Stacks»? Hier einmal abgesehen von dem eigentlichen Inhalten der nonverbalen Kommunikation, des inneren Friedens etc. Jemand baut einen Stapel, ganz allein für sich – eine analoge, körperliche Tätigkeit, dann sucht er die Kommunikation, will teilnehmen an der Welt und lädt das Foto seines Stapels in die Webseite und schafft die digitale Verbindung zu seinem analogen Sein…

MK: Ich schwenke zurück aufs Digitale. Wenn Jaron Lanier, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2014, eine Zukunftsszenario entwirft, in dem jedes erzeugte Datum einen Kapitalwert darstellt, sprich die NSA jeden Überwachten für die (un)freiwillige Preisgabe seiner Daten ein paar Nanodollars bezahlte - Facebook und Co. ebenso, meint er, das asymmetrische Verhältnis zwischen Anbietern, Ausspionierern zu den Nutzern wieder gerade rücken zu können.

FM: Ich denke, man muss trotz der wahrscheinlich engen Verknüpfung beider Seiten, die Überwachung differenzieren. Auf der eine Seite die staatliche, geheimdienstliche Überwachung, auf der anderen Seite das kommerziell motivierte «Datenfischen» der Internet Konzerne. Eine geheimdienstliche Überwachung, die politisch motiviert, Grenzüberschreitungen von Grundrechten in Kauf nimmt, oder diese gar ignoriert wird man nicht durch ein Entgelt an die Nutzer eindämmen. Sie findet, staatlich unterstützt und finanziert, im Verborgenen statt, es war nie die Absicht dieser Dienste, damit je an die Öffentlichkeit zu geraten. Hier müssen Regierungen zu der Überzeugung kommen, dass es einen Break-Even-Point gibt, an dem die Kosten der Überwachung nicht mehr im Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen. Damit meine ich nicht nur die finanziellen Kosten, sondern auch die «sozialen Kosten», etwa das Vertrauen der Bürger in ihren Staat. Meiner Ansicht nach ist er längst überschritten.
Die kommerziell motivierte Überwachung oder Datenanhäufung ist unwahrscheinlich lukrativ. Wir befinden uns zwar schon mittendrin und doch erst am Anfang. Die Vernetzung der Dinge, der Gegenstände beginnt erst. Hier könnte das Modell Laniers eventuell funktionieren, aber ist es umsetzbar? Man müsste die Industrie durch Gesetze dazu zwingen, für jeden Datensatz zu bezahlen und mit hohen Strafen eine Missachtung ahnden. Auf der anderen Seite müsste der Nutzer dann bereit sein, für das Nutzen einer Suchmaschine und anderer vernetzter Dienste zu bezahlen. Das Modell Laniers wäre am Ende für die Konzerne ein reines Rechenexempel. Auch hier würde der Break-Even-Point die Entscheidung herbeiführen. Wenn es sich weiterhin rechnet, Daten zu sammeln, auch wenn dafür bezahlt werden muss, weil der Gewinn daraus gigantisch bleibt, dann bleibt das Datensammeln und -verwerten interessant.
Wir haben es hier ja an vielen Stellen mit einer Verknüpfung von psychischen Grundbedürfnissen und deren Kommerzialisierung zu tun. Wir Menschen müssen kommunizieren, uns austauschen, wollen teilen – Facebook, Whatsapp, Google+, Instagram usw. bieten uns die Plattformen dafür. Wir haben ein Internet, vollgestopft mit all unserem Wissen, geschaffen, Google u. a. bietet uns die Möglichkeit, uns darin zurechtzufinden. Wir sind bequem und wollen in unserem Leben alle denkbaren Risiken minimieren. Selbstfahrende Autos, überwachte Körperfunktionen, geschützte und optimierte Behausungen und was sonst noch alles denkbar ist. Das Internet der Dinge wird uns dies ermöglichen. Die globale Vernetzung setzt im Grunde eine ganz starke Identität des Einzelnen voraus. Wir müssen den kritischen Umgang damit erst lernen.

MK: Das Interesse unter anderem an Spionage werde gemäß Lanier zurückgehen, weil es ja Geld koste. Verlieren Sie dann Ihren Job?

FM: Das wäre schön, wenn meine derzeitigen Arbeiten dann nur noch rückblickend im historischen Kontext funktionieren würden, weil die zukünftige Gegenwart schon zur Vernunft gekommen ist. Es werden immer Konflikte und Spannungen zwischen einer vernetzten digitalen Realität und unserer manifesten biologischen psychischen Körperlichkeit bestehen, und damit ein weites Feld für künstlerische Auseinandersetzungen und Notwendigkeiten für mich bieten. Die humane Robotik, oder humane-cyber-physische Technologien stecken noch in den Kinderschuhen, die künstlerische Auseinandersetzung damit auch.

MK: Hat man als Künstler eigentlich eine besondere politische Verantwortung?

FM: Nein, ich denke es gibt grundsätzlich keine politische Verantwortung seitens der Kunst. Aber es gibt die Möglichkeit zur Übernahme einer politischen Verantwortung in der Kunst. Es ist eine persönliche Entscheidung diese Verantwortung als Künstler wahrzunehmen und aufzugreifen.
Durch die Notwendigkeit, die «Waldprotokolle» zu realisieren, entstand ein politisches Statement. Es war mir zu Beginn nicht wirklich bewusst, dass ich damit politische Kunst manifestieren würde. Meine Herangehensweise war nicht die, dass ich mir vornahm nun eine politische Arbeit zu machen. Die «Waldprotokolle» entstanden, durch meine tiefe Besorgnis, meine als enorm empfundene Belastung mit der Überwachung bzw. deren Aufdeckung. Und plötzlich stroßen die «Waldprotokolle» großes Interesse. Ich werde von den Medien bestürmt und finde mich mitten einer politischen Auseinandersetzung und Diskussion wieder.
Zunächst entsteht eine Verantwortung für die Arbeit, die man gemacht hat. In meinem Fall auch Furcht. Die ersten Tage nach der Veröffentlichung der «Waldprotokolle» konnte ich vor Sorgen kaum schlafen. Mir wurde durch die Reaktion der Außenwelt klar, welche starke Wirkung meine Arbeit entfaltet hatte. Ich konnte anfangs nicht wissen, welche Konsequenzen aus den «Waldprotokollen» entstehen würden. Die Menschen fragen, fordern, machen Vorwürfe oder unterstützen, sind begeistert: «Endlich jemand der sich des Themas annimmt.»
Man wird aber auch instrumentalisiert: «Herr Mehnert, machen sie weiter so, machen Sie mehr!, Was werden Sie als nächstes machen? …» Ich fühlte mich manchmal fast zum Rädelsführer stilisiert, der im Namen der anderen, die lieber aus sicherer Position zuschauen, kämpfen soll. Mit der Entwicklung und Umsetzung der «Menschentracks» habe ich dann bewusst meine künstlerische politische «Position» wieder aufgegriffen. Es entsteht dann eine Art eine politische Verantwortung. Und sie entsteht auch mit der Öffentlichkeit. Man trägt dann die Verantwortung für die künstlerische (politische) Arbeit die man macht, für Ihre Aussage.


1Das Gesetz …

2Mehnert führt Beispiele seiner eher traditionellen künstlerischen Arbeit an.

Links:

http://www.florianmehnert.de

Waldprotokolle

Menschentracks

Global Stacks