Kunst, Qualität, Mythen und Marketing

Er kann die Tinte nicht halten, und wenn es ihm ankommt, jemand zu besudeln, so besudelt er sich gemeiniglich am meisten.
Georg Christoph Lichtenberg

Heute hatte ich das Vergnügen, von Chris Bühler, Studierender im Fach KunstMediaTechnologie, dem Kooperationsstudiengang der Hochschule für Musik und der Hochschule Karlsruhe, Technik und Wirtschaft, Karlsruhe, in dem ich Kunstgeschichte unterrichte, zur Situation von Kunst und Künstlern befragt zu werden. Das hat mir so viel Freude bereitet, dass ich – frei nach Lichtenberg – die Tinte nicht halten konnte. Und weil es mir Gelegenheit bot, ein paar Betrachtungen allgemeiner Natur anzustellen, nutzte ich diese für ein paar klare Setzungen. Hier ist das Ergebnis.

CB: Können Sie mir etwas über Ihren Werdegang im Bereich Kunst berichten?

Eigentlich bin ich gut bürgerlich mit Musikunterricht sozialisiert worden: Klavier, Gitarre, Bratsche und Posaunenchor sowie eine Reihe von Chören, in denen ich gesungen habe. Allerdings hatte ich immer schon größte Freude am bildlichen Ausdruck. Gezeichnet habe ich kontinuierlich, später auch gemalt. Und da ich mich nach Schule und Zivildienst doch nicht für die Biologie entscheiden konnte, plante ich, durch ein Studium der Kunstgeschichte einen theoretischen Zugriff aufs Fach zu bekommen, um mich quasi nebenbei auf die Akademie vorzubereiten. Nichts Besonderes: Kunsthistoriker sind oftmals "verhinderte" Künstler. Dass sich dann schnell herausstellte, dass Sehen, Lesen und Schreiben mir sehr liegen, hat mich zu dem bis heute nicht bereuten Kurswechsel veranlasst.

CB: Wer entscheidet heute was Kunst ist und wer Kunst macht?

Je nach Perspektive können Sie verschiedene Antworten geben. Nehmen wir die weiteste: Zum einen kann mit Blick auf die bildende Kunst nicht ohne schlechtes Gewissen von "der Kunst" gesprochen werden. Denn es gibt eine Reihe von Größen, die entscheiden: Erstens die Kunst selbst. Seit einigen Jahren ist es mit Blick aufs Generelle die marktkompatible Hipsterware, die – in Reinkultur im Werk von Jeff Koons oder Damien Hirst materialisiert – immer wieder Aufsehen erregt, weil sie in Auktionen oder Verkäufen horrende Summen umsetzt. Die so genannten Blue Chips. Und dann ist dort das Gros des Rests. Von Positionen, die absolut spannend sind, aber sich nicht vermarkten lassen, bis zu Epigonen, Eklektikern und allem nur Denkbaren. Und es gibt ein Werk wie das von Gerhard Richter, das absolut überzeugt und sich dennoch bestens zu Höchstpreisen veräußern lässt. Instanz Nummer zwei ist also der Markt in all seinen Schattierungen. Schauen Sie mit diesem Hintergrund auf die Kunstkritik, dann werden Sie feststellen, dass sich heute ein Großteil der Artikel mit Galerien, Messen, Auktionen und dem Kunsthandel beschäftigt. Auf den einschlägigen Seiten finden Sie demgemäß mittlerweile mehr News als im Feuilleton. Und das nicht etwa in Fachzeitungen a la Art Newspaper, sondern in allen Leitmedien. Kunstkritik mutiert also zur Marktberichterstattung. Das ist ein nicht gerade wünschenswertes Dispositiv, das jedoch sicher nicht nur die allgemeine Geschmackskultur wesentlich beeinflusst. Denn kein Medium kann sich entziehen, wenn einer von den scheinbaren Superstars mal wieder im zweistelligen Millionenbereich Kasse gemacht hat. Und das führt dann dazu, dass der Chefkritiker eines bedeutenden Hamburger Wochenblatts beispielsweise jenen Kokolores von Damien Hirst als konzeptuelle Glanzleistung verkauft – und nicht nur dort, sondern gleichfalls in der Kompilation seiner Artikel zwischen Buchdeckeln. Frei nach Baudrillard: Hinter dem banalen Schein der Oberflächlichkeit verbirgt sich die graue Eminenz des Mammons. Schlechte Kunst in schlechten Texten. Geht dann Herr Direktor Kittelmann hin und zeigt, damals noch in Frankfurt im MMK, Takashi Murakami, kommt der nächste Zirkel der "Kunstproduzenten" ins Spiel: die Kuratoren und Kunsthistoriker in Museen, Kunsthallen, städtischen Galerien oder Kunstvereinen. Und alles rennt hin, um die in jeder Hinsicht aufgeblähten Erzeugnisse dieser Finanzfürsten zu sehen. Schamlos, wie er dann 2008 als frischgebackener Direktor der Neuen Nationalgalerie eine Jeff-Koons-Schau verantwortete: blauäugiges Verschwenden von Steuergeldern. Und was die Kuratoren und Direktoren uns verkaufen wollen, von den Medien gepriesen, muss ja Ok sein, denn die wissen's als Fachmannschaft schließlich. Aber da es noch tausende anderer, besserer Angebote gibt, ist der Mainstream eben der Mainstream. Verdursten muss niemand. Nächster Bestandteil: wir Konsumenten. Je mehr Leute hingehen, denn das ist das Gesetz der Quote, dem unheiligsten Druck, dem öffentlich finanzierte Häuser unterliegen, desto größer die Reichweite. Egal, ob's intellektuelle Murksgurken oder sinnlich wie inhaltliche Ausnahmeleistungen sind. Die Kasse muss stimmen. Letzte Autorisierungsinstanz ist dann – mit leicht verlängertem Atem – die Wissenschaft. Auch die bekräftigt oder widerlegt Erscheinungen und überführt sie in oberste Weihesphären. Denn wer in Dissertationen oder Fachartikeln auftaucht, hat's final in den Olymp geschafft.

CB:Wie haben sich die Kunst, ihre Vermarktung und die Außendarstellung verändert?

Seit wann? Da kann eigentlich nur mit einem Gemeinplatz geantwortet werden. Wir leben in der Zeit allanwesender Vernetzung. Damit verbreiten sich Nachrichten schneller als jemals zuvor. Unserer Zeitläufte sind geprägt von Marketingexzessen, die sich perfekt jener Medien bedienen, sie bespielen und damit das Bild von der Kunst oder "der Künstler_in" entscheidend prägen. Interessanterweise gern gutbürgerlich in Form von überkommener Mythenproduktion. Nehmen Sie die aktuelle Dürer-Ausstellung im Frankfurter Städel. Niemand sonst beherrscht die Klaviatur perfekter Außendarstellung so perfekt wie Direktor Max Hollein. Der damalige Superstar, vielleicht der erste der Kunstgeschichte, mutiert billigst zum "Deutschen Meister". Überall sieht man Boss Hollein auf Bildschirmen parlieren – schon in der Warteschlange zum Kassenhäuschen. Die Ausstellung selbst ist dann eine ganz gewöhnliche. Viel Sensation geht ja wegen konservatorischen Hürden nicht mehr. Also fehlen die Kardinalstücke wie das Prager "Rosenkranzfest", die "Vier Apostel" oder das sensationelle Pelz-Selbstbildnis aus München und so weiter, weil sie nicht mehr reisen dürfen. Stattdessen elend viel Grafik und Werkstattarbeiten et cetera. Keine schlechte Ausstellung, aber wenn Hollein das Projekt und den Katalog im Vorwort zur letztgültigen Referenz stilisiert, dabei kein explizites Dankeschön für die fundierte Vorarbeit an die Kollegen aus dem Nürnberger Germanischen Nationalmuseum richtet, die 2012 den "Jungen Dürer" nach jahrelanger Forschung bestens dokumentiert präsentierten, dann ist das schlichtweg das perfide Ergebnis eines perfekten Marketings. Da kann man dann auch im Ausstellungsraum Inszenierungsstrategien aus Nürnberg abkupfern und so tun, als wäre es ein eigener kuratorischer Kniff. Die Frankfurter Stimme brüllt lauter als alle hierzulande, und das Gedächtnis des Publikums reicht kurz. Ein weiterer Aspekt: In den USA haben Kunsthochschulen schon früh bemerkt, dass nachwachsende Talente sich präsentieren müssen, um erfolgreich zu sein. Diese Rhetorik gibt’s nun auch hierzulande: Homogene Phrasen dreschender Nachwuchs, der eloquent über sich und sein Werk spekuliert, ist gegebenenfalls die Folge. Ist ja auch im Ansatz richtig. Denn Künstler müssen schließlich leben und sollen ihre Arbeiten demgemäß auch gewinnbringend veräußern. Mir ist dieser Marketingwahn allerdings zutiefst suspekt und zuwider.

CB: Ist diese Veränderung positiv?

Nein. Es ist wunderbar, schnell an Informationen zu kommen, viel vorab auf dem Bildschirm sehen zu können, um zu entscheiden, ob ich ins Atelier von Künstler XY gehe, in eine Ausstellung oder auf eine Messe. Allerdings gefällt mir einiges gar nicht. Ich schreibe jetzt seit gut 23 Jahren über Kunst in der Regel für Regionalzeitungen. Mittlerweile ist es mir diesbezüglich wirklich zu laut geworden. Und leider geht diese allgemeine Lautstärke nicht mit Qualitätszuwächsen einher.

CB: Inwieweit hat sich das Umfeld um die Kunst verändert?

Das ist gleichfalls eine Frage, die man in unterschiedlicher Tiefe beantworten kann. Positiv ist es, dass zeitgenössische Kunst auf ein sehr großes, allgemeines Interesse stößt. Und Alter spielt da keine Rolle. Quantitativ ist es wunderbar, doch qualitativ ist die Frage unbeantwortet, ob diese Lage positive Folgen zeitigt. Siehe meine Gedanken zum Marketinggeklingel. Na ja, und das Gefälle zwischen Arm und Reich ist – gefühlt – größer geworden. Das fing in den 90er Jahren schon an. Ich komme aus dem Ruhrpott, und dort besitzt jede Kommune ein Museum. Mitgeführt von der Verwaltung wie geduldete und institutionalisierte Irrenhäuser, konnte dort zunächst vielfältig experimentiert werden. Die Zeiten sind weitgehend vorbei. Kohle regiert. Nothaushalte zwingen zu kürzeren Öffnungszeiten, zu weniger Personal, und dennoch schreit das Stadtmarketing nach publikumsintensiven Blockbustern, um Licht auf die Reviertristesse zu werfen. Es gibt andere Orte in der Republik, in denen es ähnlich zugeht. Und dann die Flaggschiffe. Auch dort herrschen Mangel und Zeitnot, aber diese Akteure sind im Medienzirkus permanent vorhanden und erwirken durch größere Aufmerksamkeit mehr Spielräume. Mit einem stark frequentierten Haus kann man dann natürlich leichter Sponsoren gewinnen und externe Projektmittel akquirieren. Es ist allerdings nicht so, als ob man hilflos wäre, wenn man nicht dazu gehört. Jeder kann ein profiliertes Projekt auch gegen Widerstände realisieren. Nehmen Sie den Dortmunder Hartware MedienKunstVerein, 1996 von Iris Dressler und Hans Christ als erste bürgerliche Institution für Medienkunst gegründet, den gibt es bis heute und unter der Leitung von Inke Arns ein spannendes, avantgardistisches Programm, EU-Projekte, Symposien inbegriffen. Dann die Künstlerinitiativen, etwa die Off-Spaces oder Produzentengalerien, in denen die Hersteller selbst das Heft in die Hand nehmen: Auch davon gibt es jetzt mehr. Und weil das allgemeine Interesse im Publikum sehr groß ist, sprießen die Blätter, die mit Kunst operieren, jedoch ohne dass sich die oftmals prekäre Lage der Kunstkritiker verbessert. Die deshalb gezwungen werden, ihre Säckel mit PR-Texten zu füllen, womit sich die Katze einmal mehr in den Schwanz beißt.

CB: Ist Kunst zu einem Konsumartikel wie jedes andere, x-beliebige Produkt geworden?

Nein, selbstverständlich nicht. Sicher gibt es den materiellen Aspekt. Ein Gemälde hat einen "Körper", aber die leere Leinwand, die ich im Künstlerbedarf kaufe, ist Ware. Und selbst das dumme Zeug von Jeff Koons oder Damien Hirst ist kein Konsumartikel. Es liegt an jedem selbst, wie er mit den Erscheinungen umgeht. Für meinen Unterricht beschäftige ich mich sehr gern mit diesen Phänomenen und entfliehe dem Elfenbeinturm meiner akademischen Vorlieben, um die andere Seite zu vermitteln, damit sich die intellektuelle Trennschärfe bei meinen Studierenden ausprägen kann. Sich beschäftigen schließt nämlich das "Verbrauchen", also also den Konsum, aus. Kunst wird ja nicht materiell weniger, wenn Sie sie ernst nehmen und sich intensiv mit ihr beschäftigen. Aber sich von ihr verzehren zu lassen – und zwar mit Leidenschaft – ist ein Genuss, den Ihnen der beste Rotwein nicht bietet. Das Schöne an höchstwertiger Kunst ist nämlich ein Aspekt, den meine Doktormutter in ihrem Buchtitel zusammengefasst hat: "Kunst sehen ist sich selbst sehen".

CB: Finden Sie, dass man an einer Universität/Hochschule studiert haben muss um ein guter Künstler zu sein?

Meinen Sie allgemein die Kunstakademie? Da sage ich nein, es gibt in der Kunstgeschichte großartige Autodidakten, aber in einem Gebilde, das Wissensvermittlung formalisiert, gelernt zu haben, schadet auch nicht. Es hängt vom jeweiligen Charakter ab.

CB: Warum sollte man Kunst an einer Kunstakademie studieren?

Da gibt es viele Gründe. Sie schmoren nicht in ihrem eigenen Saft, treffen Gleichaltrige, mit denen Sie sich austauschen und gegen die sie ihre sich formende künstlerische Position abgrenzen können. Gemeinsames Sehen und Denken mit den Professoren der Klassen, aber auch den dort unterrichtenden Kunsthistorikern, bringt Sie natürlich stark voran. Und vor allem ist ein ganz handfester materieller Aspekt für den Nachwuchs von Bedeutung: Der Zugang zu Produktionsmitteln ist gegeben. Sie haben beispielsweise gesicherte Ateliers für die Dauer des Studiums. Das ist enorm wichtig.

CB: Verkaufen Künstler mit großen Namen ihre Seele?

Da müssten Sie verschiedene Künstler befragen. Ich bezweifle nur, dass Sie im Fall von erfolgreichen Flachköpfen eine ehrliche Antwort bekommen.

CB: Finden Sie, dass viele Künstler darauf schielen, möglichst (finanziell) erfolgreich zu sein?

Ja und nein. Sie finden wie in allen Lebenssphären unserer Gesellschaft dieselben Modelle, warum sollten Künstler andere Menschen sein? Außerdem meine ich, dass finanzieller Erfolg notwendig ist. Allerdings ist es im Kunstsystem, das leider protofeudalistisch organisiert ist, immer nur eine Angelegenheit der wenigsten. Künstler, mit denen ich zusammen arbeite, etwa der Leipziger Jirka Pfahl, müssen ihren Lebensunterhalt mit fachfremder Maloche verdienen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Das ist eine Schande, die leider die meisten Künstler betrifft. Entsetzlich, wie viel Potenzial dadurch verloren geht.

CB: Haben Künstler den Respekt vor der Kunst verloren?

Diejenigen, die ich persönlich kenne, gewiss nicht. Aber wenn Jeff Koons in seiner Ausstellung seine Belanglosigkeiten mit Kardinalstücken Alter Meister kontrastiert, dann auch noch behauptet, nun endlich habe sein Werk den richtigen Kontext, dann empfinde ich das als anmaßenden Blödsinn und, ja, als eine Respektlosigkeit. Der Herr sollte sich doch einfach mal hinstellen und sagen, dass er blut- und inhaltsleeren Bullshit für Superreiche herstellen lässt. Dann hätte er eine wirkliche Chance auf Credibility.