Intervention als systemische Plastik

Über die Arbeiten von Guido Braun.

Guido Braun

Die bildende Kunst der Gegenwart und damit auch der Künstler sind unauflöslich in einer Reihe von Paradoxen verstrickt. Spätestens seit Marcel Duchamps Ready-mades wurde ihr traditioneller Funktionsbereich relativiert. Kunst war nun nicht mehr nur das Wahre, Schöne und Gute, was in je verschiedener Weise Werk wurde und dem Betrachter als Angebot vor Augen, dem primär angesprochenen Sinn, geführt wurde. Mit dem Displacement von Alltagsgegenständen in den Kunstkontext durch Duchamp wurde auf der Rezeptionsseite erstmals ausschließlich ein intellektueller Betrachter eingefordert. Die formal-ästhetische Anmutung einer Schneeschaufel ("In advance of a broken arm", 1915) war irrelevant.1 Auf der Produzentenseite öffnete sich die Alltagswelt mit ihren Waren dem System der Kunst, indem industriell normierte Produkte als beliebig oft reproduzierbare Gegenstände ins Arsenal der Gebrauchsmittel von Künstlern wanderte.2 Derartige Paradigmenwechsel waren immer mit Erschütterungen, Anfeindungen und Missinterpretationen seitens professioneller Rezipienten im Kunstsystem, also der Riege der Kritiker, verbunden. Und dies gilt bis heute.

Die künstlerische Arbeit von Guido Braun profitiert von dieser Tradition der Erschütterung, wie sie sich im 20. Jahrhundert als immanenter Faktor dem Kunstsystem eingeschrieben hat. Doch sie weist auch darüber hinaus. Die Zielrichtung seiner Arbeit ist nicht mehr nur das klassische Teilsystem, die Rezeption. Vielmehr legt er mittels Textappropriationen in Mailinglisten, Ultrakurzfilmen oder Veranstaltungsstrukturen die systembedingten diskursiven Formationen auf dadaistische, surreale und offensive Weise frei. Sein künstlerisches Handlungsfeld und Material ist also der mittlerweile ineinander unauflöslich verwobene Diskurs zwischen Künstlern, Kritikern und Rezipienten, denn es gibt längst nicht mehr eine Trennlinie zwischen diesen Bereichen. Dies ist der Tatsache, dass der Produzent dieselben Werkzeuge (Computer, Mini-DV) benutzt wie der Rezipient, geschuldet. Hierbei nutzt Braun das Internet als primäres Medium der Publikation und Aktion.3

In Veranstaltungen wie dem Serverfestival, an dem Medienkünstler und -wissenschaftler aus ganz Deutschland teilnehmen und das ohne Brauns Mäzenatentum nicht stattfinden könnte, werden alternative Strukturen verteilter Gemeinschaftlichkeit erprobt. Hierbei ist auch nicht intendiertes Störgeräusch Bestandteil und wird nicht durch den restriktiven Gebrauch von Exklusionsmechanismen auf technischer Basis (Moderation, Accountsperrung) ausgeschlossen. Jeder Teilnehmer erhält die Möglichkeit, seine thematischen Vorstellungen in einem Wiki zu publizieren.

Mit der Politisierung der Gegenwartskunst wird ein Paradoxon virulent: das Arme-Poeten-Syndrom. Dieses ist zwar historisch bedingt und tradiert, erfährt aber durch die inkonsequente Bildungs- und Kulturpolitik seit den 60er Jahren in Deutschland eine besondere Wendung. Das wichtigste Überlebensmittel für das Gros Künstler ist neben der Sozialhilfe heutzutage der Kontakt zu Geldgebern in öffentlichen und teilprivaten Fördereinrichtungen (Stiftungen, Kunstpreise usf.), doch im Vordergrund der institutionellen Wohlfahrt steht weiterhin das Museum, also der Konsumentenbereich (z. B. das 2004 eröffnete Museum für bildende Künste Leipzig kostete 75 Mill. Euro. Wieviel ist der Stadt die Förderung von Ateliers, Künstlerhäusern und -werkstätten wert?).4 Dies ist Diskurs prägend, gerade im Sektor Medienkunst, in welchem nicht wie bei Malerei der klassische Wertschöpfungszyklus noch funktioniert (s. Erfolg der "Neuen Leipziger Schule") und der materielle Aufwand zur Produktion von Kunst enorm ist.

Guido Braun dagegen ist als Künstler unabhängig auch von den üblichen Stützen. Auf der Basis dieser Unabhängigkeit kann der Künstler sich der Mittel des Diskurses künstlerisch bedienen. In der rohrpost, einer in Deutschland einzigartigen Mailingliste zum Thema Medien- und Netzkunst, subskribiert sich Braun beispielsweise unter Fantasienamen und -E-Mail-Adressen. Seit einiger Zeit wird dort weniger diskutiert als vielmehr annonciert; meist sind es von öffentlichen Geldern geförderte Veranstaltungen zum Thema. Eine künstlerische Strategie ist die lustvolle Appropriation der Verkündigungssprache und De-Konstruktion der teils abstrusen, immer Seriosität verheißenden Einladungen, seien es nun Ausstellungen, Festivals oder Symposien.

Als Leiter einer Werbeagantur versteht Guido Braun die Sprache dieser E-Mails und konterkariert sie. Hierbei dockt er ein weiteres Feld seiner Arbeit an, das des Spiels frei flottierender Identität. Auf der Basis der Erkenntnis, dass trotz der trügerischen Verheißung, Internet-Werkzeuge und kollektives Kunstschaffen würde den Eigennamen und damit den Namenskult nichtig machen und eine echte demokratische Kunst erlauben, die Organisatoren, Kuratoren bzw. Festivalgestalter die neuen Fixsterne am Himmel der Kunst sind, generieren die dadaistischen E-Mails, welche bis zur Geschmacklosigkeit und Impertinenz Namen verfremden, Theorien entstellen, in der Regel eine anschauliche Erfahrung jener Offenbarungsrhetorik seitens der Teilnehmer als Output eines simplen Reiz-Reaktions-Schemas. Brauns Arbeit ist der riskierte Rausschmiss; dieser wird wiederum Thema.

Damit entstehen textuelle Figuren, die sich wie ein Ornament von Zeit zu Zeit wiederholen und erkennen lassen, dass die demokratische Freiheit auf der Basis einer telematischen Community und deren vermeintlich liberaler Textaustausch nur ein frommer Wunsch der Szene ist. Braun legt offen, dass ein derartig prädizierter Diskurs im Internet gar nicht möglich ist, weil die technischen Bedingungen auf der Basis und der Metaphern und Instrumentarien des streng hierarchischen Unix-Betriebssystems die Instrumente selbst mit Regularien versieht, die – wie es regelmäßig geschieht – zu Machtmissbrauch einladen.5 Damit wird Kunst zu dem, was ich systemische Plastik in Anlehnung an einen Beuys-Terminus (soziale Plastik) genannt habe. Diskurs- und Handlungsformationen werden in der Arbeit Guido Brauns zum Material wie der Ton für den Bildhauer. Brauns Arbeit kann so als aufklärerischer Spiegel des Zustands der Gegenwartskunst interpretiert werden.

1. S. Daniels, Dieter: Duchamp und die anderen. Der Modellfall einer künstlerischen Wirkungsgeschichte in der Moderne. Köln 1992, S. 166 ff.

2. S. z. B. Kunstforum Bd. 91, Realkunst und Realitätskünste, 1987.

3. S. Kampmann (ehem. Weiß), Matthias: Die Intelligenz der Oberflächlichkeit. Oder über den Mythos der Interaktivität im Spiegel der Arbeit "life_sharing", Jahrbuch 2003 der Berliner Gesellschaft für Neue Musik.

4. S. Aus Politik und Zeitgeschichte. B49/2004. 29. Hg. v. Bundeszentrale für politische Bildung. Zgl. Beilage der Wochenzeitung Das Parlament. Frankfurt/M, November 2004. Hier vor allem die Infografik auf S. 7, in der Nachwuchsförderung nur im Kontext der Kunsthochschulen auftaucht.

5. Frisch, Aeleen: Unix System Administration. Köln 22003.