Im Jenseits der Schamgrenzen

5.450.000 Google-Hits, wenn man das Wort Youporn in die Maske des amerikanischen Suchmaschinen-Giganten eingibt. Beeindruckend, aber selbst Beate Uhse liefert über drei Millionen Treffer. Derart lässt sich mit einschlägigen Begriffen und Firmen weiter verfahren, und man kommt zu dem Schluss, dass das immer noch recht junge Lieblingsmedium postindustrieller Gesellschaften vor allem eins verheißt: schnelle, variantenreiche Bilder für die flotte Befriedigung der Schreihälse unterhalb des Gürtels. Gegenprobe: Youtube. Nun, diese Suche rückt das Bild wieder ins Lot. Astronomische 699 Millionen Seiten, dennoch: Porno ist in, daran besteht kein Zweifel – vor allem seit der Verbreitung des Internets. Was Alkopops, Pille, Kiffen und ähnliches für die Konstruktion von Feier-Befindlichkeit, ist Porno für die zeitgenössische Variante der Sexualität, deren Königreich nicht mehr nur offiziell auf partnerschaftliche Aktion begrenzt ist, sondern gleichermaßen den Selbstgenuss umschließt. Mit dieser Mehrfachkodierung der Körper muss man aber erst einmal klarkommen. Die Konjunktur spielte ja schon immer mit. Und erst am Porn-Hype lässt sich endgültig ablesen, dass das Internet tatsächlich die gesamte Medienwelt komplett aufs Kreuz gelegt hat. Dieselben Symptome zeitigen beinahe alle Old-World-Medien-Anbieter: Müssen sich heute schon so potente Schlachtschiffe der Unterhaltungsindustrie wie Herbert Grönemeyer oder Urgesteine wie Reinhard Mey mit einem offenen Bettelbrief, veröffentlicht in allen großen Tageszeitungen (25. April 2008), an Bundeskanzlerin Angela Merkel wenden, damit den bösen Internet-Piraten und Download-Desperados der Saft abgedreht wird, so klagen gleichfalls die Größen der schmuddeligen Bilderbranche über mangelnde und stark rückläufige Verkaufszahlen in Sachen DVD. Und wundern sich nicht einmal groß über den Zustand ihrer Produkte, der offenbar nicht der beste ist. Sonst würde ja weiterhin fleißig gekauft. Ist es nur das Internet als Medium, was einerseits Pornografie popularisiert und stärker denn je verbreitet, unabhängig vom Stoff, der angeboten wird? Pornografie als Prinzip. Das ist formalistisch betrachtet nun universell wirksam und erlaubt es, auch andere Erzeugnisse damit abzugleichen. In der Pop-Musik wirkt das stetig repetierte 3,5 Minuten-Song-Schema, der Sample, das Gesinge von Liebe genauso stimulierend auf Gehörgänge und Tanzbein wie die Blow-Ups, die immer gleichen Handlungsmuster der Pornografie. Das Personal wechselt, die Struktur der Szenen bleibt gleich, changiert lediglich mit dem Genre, gleichwie an der Gemüse- oder Fleischtheke. Das Prinzip des Blow-Ups regiert den Pop. Das ist nirgends besser zu beobachten als in den Stücken von Musikformationen, die in der klassischen Musik wildern. Da werden Motive seziert und gnadenlos repetiert, bis dem Ohr schlecht wird. Wie im Porno spielt Komplexität, Symphonik keine Rolle.

Die Bilder stocken. Das sollen 25 Wiederholungen in der Sekunde sein? Na ja. Das Format ist zu stark komprimiert, um aufregend knuspriges High Definition TV zu liefern. Noch ist die Übertragungszeit des Internets der Flaschenhals für die Bildqualität. Aber vielleicht liegt ja gerade darin der Reiz dieser Bilder? Wieder eins dieser Ornamente. Zwei Menschen sind zu sehen. Eine Frau, ein Mann. Gesicht nur von ihr. Der Mund weit aufgesperrt wie bei einer jungen Amsel, die den Wurm zur Fütterung erwartet, doch hier kommt etwas anderes. Der Mann schießt sein Ejakulat in das Gesicht der Brillenträgerin. Es läuft ins Auge, über die Stirn und aufgrund der Ergiebigkeit des Orgasmus auch noch eine Portion in den tiefen Rachen dieser «Sekretärin». Mit dem Zeigefinger streicht sie das Sperma aus dem Auge, kehrt es auf der Backe zusammen, um es mit übertrieben deutlich angezeigtem Wohlbehagen und Genuss in ihrem Mund verschwinden zu lassen. Ein Standard-Imago der Branche. Permanente Leistungsbereitschaft, die Überwindung des kleinen Todes im Superlativ der Amateure und Profi-Ficker: Immer da, immer nah sind diese Bilder.

«Jeder schaut doch heute Porn», konstatiert die 24-jährige Rachel* (Name geändert) aus London mit leichter Entrüstung. Ihrem Freund sieht sie es nach, und eigentlich stört es sie auch nicht weiter, dass der Arbeitssuchende mit dem Master der Politwissenschaften auch zusammen mit seinen Freunden regelmäßig Hardcore konsumiert. Sie selbst und – für Ältere eher undenkbar – ihre Freundinnen sind bisweilen bei diesen «Screenings» dabei. Ihre Einstellung: ''Was soll denn das ganze Gerede von Unterdrückung, Scham und Sünde? Dieser Moralmist kommt doch gar nicht an und hat nichts mehr mit mir zu tun.'' Sie denke, ganz normal, viel an Sex, und der sei bekanntermaßen nicht immer zu haben. Also nutzen ihr die kleinen Bilder ganz praktisch. Bilder aus dem Internet versteht sich.

In einem Arte-Beitrag zur Rolle der Sexualität in den Jahren der Studentenrevolte und deren Auswirkungen auf die heutige Zeit formulierte die französische Schauspielerin Linda Troller: «Heute ist man nicht mehr Opfer von Verboten.» Das stimmt nicht ganz, ansonsten würde nicht schon von Seiten der Intelligenzija einerseits ein unkritisches Loblieb51 gesungen, andererseits versuchsweise diskurskritische Dekonstruktion versucht, wie im Text «Indie im Kampf mit dem Index. Über das Verhältnis von Pornografie und Popkultur» von Diedrich Diederichsen.52 Es wird auf Teufel komm raus theoretisiert. Dann liest man doch schon lieber die tiefsinnige Analyse alternativer Erscheinungsformen von Florian Cramer (im selben Band), der die merkantilen und semantischen Strukturen von Indie-, Gonzo- und Amateur-Pornos ans System der Industrie-Pornografie rückkoppelt, das Schema des Obszönen analysiert und in die Prinzipien der Wertschöpfungskette zu integrieren versteht. Dann weiß man wenigstens, was man sieht. Bis zur vernunftorientierten, stigmafreien Haltung zur Pornografie jenseits der existierenden Debatten aber ist es noch weit.

Das Absurde reizt auch ohne Ambition zur Entspannung zum Hinschauen. Eine Frau liegt zu Beginn des Streifens allein auf einer Wiese und scheint sich zu sonnen. Herrlich komisch ist das Set. Der Himmel bedeckt, ein typisches Vorstadtsiedlungsambiente, der ungepflegte Rasen wartet auf den ersten Schnitt, Unkraut, ein Müllberg neben der Veranda. Keine Gartenzwerg-Idylle. Ein Mann spricht aus dem Off. Der erste von vielen noch Auftretenden. Er faselt so etwas wie, er wisse, dass es nun erwiesen sei: «Männliches Sperma ist gut für die Haut sei und schützt vor Sonnenbrand». Und los geht das Schießen. Aber eigentlich ist diese Kosmetik-Beratung überflüssig, denn bei allzu vielen Worten wird Mann ungeduldig. Ein Grund, warum beispielsweise die Ästhetin der Branche, Petra Joy, damit wirbt, dass es bei ihr keine hohle Story gebe, sondern sofort Pünktchen, Pünktchen. Die normalerweise recht tumben Stories sorgten allerdings auch für gewisse Erheiterung. Gerade dann, wenn allseits bekannte Hollywood-Streifen für Grotesken wie «The Sperminator» (1985) herhalten.

In allen Debatten zum Thema schwebt ex- oder implizit immer noch die generelle Koppelung zwischen Sexualität, Körpergrenzen und Liebe als unauflösliche Trias für Verbote einerseits und andererseits deren Auflösung als «Befreiung» von der tradierten bürgerlichen Moral als Grundlage zur Konstruktion moralischer Gleichungen. Körper als Konsumgut? Obacht: Schnell ist man geneigt, die Ebenen zu verwischen. Denn unterscheiden sollte man schon zwischen Produktion und Rezeption. In der Rezeption gibt's nur den einen, Deinen Körper. Alles andere sind Bilder, Texte, Töne, in denen naturgemäß der Körper der Anderen die Hauptrolle spielt, aber eben auch eine Rolle. Das Prinzip der Pornografie ist ihre Funktionalität. Es sind Gebrauchsbilder, die im Grunde dasselbe meinen wie Nährmittel in Lebensmittelgeschäften. Wir müssen schließlich alle essen und trinken, nur liegt's bei jedem selbst, ob er sich mit Fastfood von der Arbeit des Kochens entbindet, oder mit Bio-Produkten paradiesische Genüsse in mühevoller Wirkelei an der Kochstelle selbst herbeizaubert. Wir haben die Wahl und treffen sie. Zwischen Fast und Slow, zwischen Masturbation und intersubjektivem Sex klafft eine kategoriale Lücke.

Heute ist offenbar alles anders als vor 20 bis 30 Jahren. Die generelle Verfügbarkeit des Materials ist größer, als je zuvor. Bei Plattformen wie Youporn reicht das Klicken des Access-Buttons, mit dem man erklärt, die magische Altersgrenze von 18 Jahren überschritten zu haben, um sich ein paar dieser teils selbst fabrizierten Filme zu gönnen. Dann ist es eben nicht mehr notwendig, aus dem Haus zu gehen, verstohlen eine schmuddelige Ecke hinterm Bahnhof aufzusuchen. Das war immer unangenehm, denn wer wollte schon bei einem solchen Streifzug entdeckt werden. Wie immer verbreiten sich Nachrichten über gutes und günstiges Surfen in Windeseile. Da zudem noch Werbung auf den meisten Seiten zu finden ist, kann man sich gleich auch auf die Reise begeben und noch ein paar benachbarte Angebote besuchen. Die vielleicht größte Wandlung des Systems der Distribution von Pornografie wurde also durch das Internet herbeigeführt. Und der Computer revolutioniert die Seite der Produktion gleichermaßen. Zur Standard-Ausstattung eines europäischen Haushalts gehören neben dem Computer auch die digitale Foto- und Filmkamera. Sie haben die statischen Apparate abgelöst und Produktionsketten in Personalunion ermöglicht. War der Filmschnitt am Computer vor zehn Jahren noch ambitionierten Usern vorbehalten, so bringt heute jeder Discount-Rechner die Fähigkeiten und Anschlüsse mit. Ikonografisch übrigens häufig in Web-Pornos zu finden. Dargestellt ist dann eine Frau, die an einem kleinen Schreibtisch hockt, masturbiert und nebenan den PC stehen hat. Ein Verweis auch über die Verfügbarkeit der Bilder qua Webcam, der nächste Kick, vergleichbar mit der Peepshow. Beziehungsweise die logische Übertragung dieses Mechanismus in die technische Infrastruktur des Internets. Seitenweise kleine Daumennägel mit Kurztexten, welche auf die Qualitäten der jeweiligen Person verweisen. Ein Klick, dann bezahlen, und schon ist man im Schlafzimmer der Dame, kann über ein kleines Interface chatten.

Mit dem Netz tauchte auch die Frage auf, wo diese ganzen Models eigentlich herkommen. Auf TGP-Seiten wie «The Hun» oder «El Ladies» werden täglich neue Links zu Bild- und Filmseiten veröffentlicht. Hier kann man sich nicht satt sehen an fortwährend wechselndem Personal. Und beobachtet man über einen gewissen Zeitraum, was dort angepriesen wird, kommt man zu dem Schluss, dass ein großer Teil der Angebote von Privatleuten zu kommen scheint. Stichwort Amateure. Viel stärker als in der Pornworld außerhalb des Netzes hat sich hier ein weiterer Fetisch Raum geschaffen: zu sehen, wie vermeintliche Nachbarn ihre Hüllen fallen lassen. ab «amateur-blogs» ist speziell hierfür eingerichtet. Ähnlich wie Youporn bietet die Site die Möglichkeit, die eigenen Bilder aufzuspielen. Kein offizielles Schönheitsideal wird hier wie auf den üblichen Kommerz-Seiten mit ihren jeweiligen thematischen «Ausrichtungen» postuliert. Hier tobt das buchstäblich nackte Leben, Cellulite und Schmerbauch inklusive. Auch das kostet. Zumindest Strom für die Server. Wie bei vielen Seiten ist es die Werbung, die dafür gerade steht, dass der Nutzer sich beteiligen kann.

Aber der Blick auf die Wirtschaft ist nur eine Seite der Medaille. Und der führt auch nicht weiter, als bis zu den aufgeführten Parallelen. Pornografie und ihre Konjunktur machen den Zustand einer Gesellschaft ablesbar. Wenn man über sie nachdenkt, gleicht das Unternehmen der Bestimmung des Grades eigener, individueller, aber auch kollektiver Selbstreflexion. Ganz nah an der Therapiesitzung. Von Pornografiesucht ist auch die Rede. Zumindest aus männlicher Sicht, denn Frauen, sofern sie sich äußern, scheinen da eine gehörige Portion lockerer zu sein. Google spuckt schnell eine Reihe von Seiten aus, auf denen über das Eine diskutiert wird, so dass man mit ein wenig Muße eine Art Stimmungsbild konstruieren kann, das zugunsten von Frauen ausfällt, die weniger vorurteilsbelastet reflektieren – sich und ihren Bildgebrauch. Welche Warte soll man also einnehmen? In den siebziger Jahren war es noch relativ simpel, Stellung zu beziehen. Da gab's nach der sexueller Revolution – Imago «Kommune 1» – und der daraus erwachsenen Fata Morgana einer gesellschaftlich befreiten Sexualität erst einmal die Möglichkeit zu einem naiven «Ja». Gleichermaßen machte es die aufkommende Revolte gegen das Körperpatriarchiat durch Aktionen wie «PorNO», initiiert von Alice Schwarzer, leicht, sich dagegen zu äußern und diese Bildproduktionsindustrie als Maschine der sexuellen Ausbeutung zu verdammen.Mit welcher Haltung nähert man sich diesem Phänomen zeitgenössischer Bildproduktion? Und was gibt es an der Pornografie eigentlich zu verstehen? Bzw. was gibt sie uns zu verstehen? Eine Diskursanalyse der Machtstrukturen würde das Auftauchen und Verschwinden von disziplinierenden Dispositiven zutage fördern und mit Blick auf die Gegenwart zu dem Schluss gelangen, dass Bilder und ihre Produktion nun endgültig demokratisiert sind. Und dennoch der alten Weise gemäß funktionieren, ganz so, wie es die Pop-Industrie gezeigt hat: Kein Punk, kein Porn ohne Verwertungszusammenhänge. Sexualwissenschaftler und Psychologen mögen erklären können, was es auf sich hat mit dem Begehren, den Bildern, der Perversion, der Fetische, dem obszönen Blick, ein schlussendlich gültiges Modell zum Verstehen liefern sie auch nicht. Das muss dann wohl doch wieder jeder für sich selbst konstruieren. Die Erkenntnis über den eigenen Bezug zur Sexualität nimmt der Pornografie den Zauber des Verbotenen und lässt sie zu dem werden, was sie ist: ein Konsumgut mit kurzer Halbwertszeit, das sich wunderbar im eigenen Hormonhaushalt zum Einsatz bringen kann. Jedoch: Im Netz ist wirklich alles zu haben. Das ist riskant. Und erfordert natürlich Jugendschutz, Restriktion im Falle von Kindesmissbrauch, Misshandlungen. Aber ein halbwegs aufgeklärter Blick und das Zugeständnis, dass ein legaler Porno kein mythisches Moralabseits darstellt, mag auch dazu dienen, pathologische Strukturen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Entlässt man sich selbst einmal aus dem bewährten Koppelungsmechanismus von Leidenschaft, dem Vergnügen am Anderen, sprich vom Liebesdiskurs, so verliert auch die offensichtliche Albernheit und Lächerlichkeit der Pornografie ihre böse, vermeintlich gefährdende, weil abstumpfende Macht. Mit jeder Stufe der Befreiung auch des Blicks erwirkt man gleichermaßen eine Befreiung von kollektiven Zwangsneurosen. Zensur und Schweigen sind demgemäß tödlich, wenn nicht nur Selbsterkenntnis sondern auch Selbstkenntnis walten soll.

Erschienen in MIAU No. 1, 08/2008.